Wie verläuft die Ausbildung zum Erzieher und wie viel Gehalt bekommen sie?

In unserer Serie „Gehaltsreport“ widmen wir uns diesmal den Erzieherinnen und Erziehern in unserer schönen Stadt. Es gibt wohl keine einzige Kindertageseinrichtung in München, die neues Personal nicht willkommen heißen würde: Man geht von über 1.000 offenen Stellen aus, die heute oder in Bälde zu besetzen sind. Wie kommt es zu diesem Stellenüberhang? An der erfüllenden Tätigkeit selbst kann es nicht liegen. An der Entlohnung? Wohl kaum, wie unser Gehaltsreport auf den kommenden Seiten zeigt. Der Grund liegt vielmehr darin, dass Bildungspolitiker den Bedarf nicht richtig eingeschätzt haben.

Julia Wagner ist das, was man in der Wirtschaft als einen „High Potential“ bezeichnet. Nach dem Einser-Abitur beginnt sie das Lehramtsstudium, auch hier gehört sie zu den Besten. Nach einem Top-Abschluss entscheidet sie sich gegen die Schullaufbahn als Gymnasiallehrerin und für ein journalistisches Volontariat, „mehr aus einem Bauchgefühl heraus“, wie sie erklärt. Im Volontariat hat sie Freude an den unterschiedlichen Themen, spürt aber etwas in sich, was sie seit vielen Jahren begleitet: „Soziale Themen haben mich generell immer schon sehr angesprochen.“ Besonders am Herzen liegen ihr Kinder. Aus ihrem Freundeskreis heraus wird sie bestärkt, endlich dem nachzugehen, was sie am meisten bewegt.

* Lohnsteuerklasse III
** Lohnsteuerklasse I
*** Alle Gehälter sind aus dem Tarif AVR. Es gibt unterschiedliche AVR-Tarife, wir beziehen uns auf den AVR Diakonie Bayern. Er ist in etwa mit den Tarifen der Diakonie und dem öffentlichen Dienst vergleichbar.
**** Die Sozialabgaben beinhalten: Solidaritätszuschlag, Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Pflegeversicherung, Kirchensteuer

Heute macht Julia eine Ausbildung zur Erzieherin in München. Eine Frau, die man sich von ihrem Auftreten her auch sehr gut bei einer Unternehmensberatung vorstellen könnte, gesteht sich ein, einige Jahre ihres Lebens nicht ihrer wahren Leidenschaft nachgegangen zu sein: „Nach der Schule studierten die Freunde Modedesign oder gingen zu einer Lehre an eine Bank und träumten davon, Investmentbanker in London zu werden. Ich weiß nicht genau, warum, aber eine Ausbildung zur Erzieherin konnte ich mir damals nicht vorstellen. Obwohl es mich schon damals reizte, hatte ich Vorurteile und dachte, ich müsse richtig Karriere machen.“ Dass eine Karriere genau dort an der richtigen Stelle stattfindet, wo einen die eigene Bestimmung hinführt, musste Julia erst lernen: „Die Arbeit mit und vor allem für Kinder ist der erfüllendste Beruf, den ich mir vorstellen kann! Ich will die Erfahrungen, die ich im Studium und im Volontariat gemacht habe, nicht missen. Ich beglückwünsche aber auch ein Stück weit diejenigen, die jetzt direkt nach der Schule diesen Beruf wählen können, ohne wie ich erst nach einem Umweg zu erkennen, wie viel Freude er jeden Tag aufs Neue macht!“

Wer Julia Wagner in ihrer Begeisterung zuhört, könnte zu dem Schluss kommen, dass man es mit einer Überzeugungstäterin zu tun hat, für die das Gehalt einer Erzieherin vollkommen unwichtig ist. Das ist es natürlich nicht. Und da zu den Vorurteilen des Erzieher-Berufes auch gehört, dass man wenig verdienen würde, machten wir uns auf den Weg, Licht in das Dunkel der Verdienstmöglichkeiten der Erzieher zu bringen.
Zunächst eine Erklärung, warum heute und sicher auch in den kommenden Jahren so viele Erzieherinnen und Erzieher gesucht werden. Seit dem 1. August 2013 hat jedes Kind ab Vollendung des ersten Lebensjahres bis zum dritten Lebensjahr einen einklagbaren Rechtsanspruch auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege. Den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gibt es für ältere Kinder bereits seit 1996, aber selbst diese Plätze waren in den vergangenen Jahren schon für Familien nicht immer einfach zu bekommen. München hat im Vergleich zu anderen Städten sehr hohe Geburtenraten, sodass mit dem zusätzlichen Anspruch der sogenannten U3-Kinder der Bedarf an Erzieherinnen und Erziehern förmlich explodiert ist.

„Hätte man dies nicht kommen sehen müssen?“ wird zurecht gefragt. Und, ja, es stimmt, es sind teilweise sogar wissentlich Weichenstellungen unterlassen worden, weil man die Budgetverantwortung für den Rechtsanspruch der Familien lange zwischen Kommunen und Bund hin und her geschoben hat. Was aber genau verdient man nun als Erzieher oder Erzieherin? Wir zeigen euch nicht nur Gehaltszettel, sondern benennen auch ein paar weitere Besonderheiten, die ihr kennen solltet.

Im Tarif AVR der Diakonie Bayern gibt es in einer Gehaltsstufe unterschiedliche Erfahrungsstufen, die gleichzeitig ein jeweils höheres Gehalt bedeuten. Man beginnt in der

  • Einarbeitungsstufe und wechselt nach 24 Monaten in die
  • Basisstufe, aus der man nach 72 Monaten in der
  • Erfahrungsstufe landet.

Zwischen Einarbeitungsstufe und Erfahrungsstufe liegen demnach acht Jahre Berufserfahrung und circa 300 Euro Gehaltsdifferenz in der für Erzieher relevanten Gehaltsstufe E 8.

Ballungsraumzulage
Weil München ein Ballungsraum ist und das Leben teurer als auf dem Land, zahlen Arbeitgeber wie Diakonie und Caritas eine Zulage von 75 Euro brutto pro Monat.

Arbeitsmarktzulage
Diese Zulage wurde im November 2014 eingeführt und ist der Tatsache geschuldet, dass die Stadt München den Berufsstand der Erzieher auch gehaltlich aufwerten wollte, um den Berufsstand attraktiver zu machen. Die Zulage beträgt in München genau 200 Euro brutto.

Sonderzahlung
Sie wird einmal jährlich gezahlt und entspricht 80 Prozent des monatlichen Gehaltes. Bei 2.000 Euro Nettoverdienst sind das rechnerisch 130 Euro pro Monat und in den nebenstehenden Gehältern nicht enthalten. Je nach Steuerprogression und Steuerklasse kann das auch etwas weniger sein.

Urlaub
Mindestens 30 Tage. Bei der Diakonie ist der Buß- und Bettag ein zusätzlicher Urlaubstag.

Gewerkschaften
Die streitbare Gewerkschaft Verdi handelt in regelmäßigen Abständen für den öffentlichen Dienst neue Tarifverträge aus. Dadurch ist zumindest ein Inflationsausgleich gesichert.­­­­­­­

Altersvorsorge
Die Diakonie zahlt beispielsweise 4,8 Prozent des Bruttogehaltes in eine zusätzliche Betriebsaltersvorsorge ein. Dieser Gehaltsbestandteil ist übrigens nicht in unseren Beispielen enthalten und muss noch hinzugerechnet werden. Bei durchgehender Erwerbstätigkeit können das 400 bis 500 Euro zusätzliche Rente im Monat sein. Durch Rente plus Zusatzrente kann eine Erzieherin derzeit auf zirka 75 Prozent des letzten Nettogehaltes als Rente kommen. Wer auf zirka 100 Prozent (= 2.000 Euro netto) kommen möchte, müsste mit 25 Jahren anfangen, 42 Jahre lang 100 Euro pro Monat zu sparen. Bei vier Prozent Verzinsung stünden damit weitere 500 Euro Zusatzrente bis zum Alter von 90 Jahren zur Verfügung. Wer erst mit 35 Jahren anfängt zu sparen, müsste dafür 160 Euro pro Monat anlegen.

Sicherheit
Der öffentliche Dienst, Kirchen, Innere Mission, die Diakonie und die Caritas sind sehr sichere Arbeitgeber. Bei dem weiterhin zu erwartenden Erziehernotstand dürfte Arbeitslosigkeit nicht zu erwarten sein, eher das Gegenteil. Wenn man 15 Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet hat und über 40 Jahre alt ist, ist man in der Regel unkündbar.

Krippe und Kindergarten
Häufig ist es leichter, einen Kita-Platz zu bekommen, wenn man im öffentlichen Dienst arbeitet, denn manchmal verfügen die Arbeitgeber über eigene Krippen und Kindergärten. Und die Kosten dafür sind auch oft geringer als bei privaten.

Flexible Arbeitszeiten
Der öffentliche Dienst bietet viele unterschiedliche Teilzeitmodelle an.
Das Tätigkeitsfeld von Erzieherinnen ist übrigens ziemlich breit angelegt, denn die Ausbildung qualifiziert zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in:

  • Kindertageseinrichtungen (Krippe, Kindergarten, Hort)
  • Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe
  • Familienberatungen und Suchtberatungsstellen oder
  • Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung

Weiterbildungen im fachlichen Bereich werden sehr vielfältig bereitgestellt. Auch im Bereich des kaufmännischen Managements und in Leitungsfunktionen werden weiterqualifizierende Maßnahmen angeboten. Und Männer werden sehr gerne beschäftigt, denn sie sind schlicht „Mangelware“. Ähnlich wie bei Krankenpflegern und Altenpflegekräften lässt sich sagen, dass man sich von der Realschule kommend bis zum erfolgreich abgeschlossenen Studium sehr gut weiterbilden kann.

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Die Grafik stammt aus 2015 und berücksichtigt noch nicht das Testmodell „OptiPrax“, das seit dem Schuljahr 2016/2017 in Bayern getestet wird.

Fazit

Das Berufsbild ist spannend, mit Realschulabschluss (oder höher) stehen einem viele Fortbildungs- und Karrieremöglichkeiten offen. Das Gehalt ist fair und wird, je nach Karrierestufe und Führungsverantwortung auch noch sehr steigen. Es handelt sich um einen sehr sinnstiftenden Beruf, der zu Unrecht unter Wert gehandelt wird und der dringend eine höhere gesellschaftliche Anerkennung benötigt.


Dieser Artikel entstand mit der Hilfe

der Inneren Mission München,
der Caritas München,
des BRK München und
der Diakonie, evangelischer Pflegedienst München.


Hier geht es zum Gehaltsreport für Pflegeberufe und hier der Gehaltsreport für die Angestellten der Stadt München!

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