Lola Paltinger: Dem Couture-Dirndl auf der Spur

Ein Paltinger-Dirndl! Für viele ein absolutes Muss, wenn es um die Wies’n oder festliche Anlässe geht. Hinter den prachtvollen Designs steht Lola Paltinger, die nicht nur eine Persönlichkeit ist, sondern auch ein erfolgreiches Unternehmen führt. Die Karriere München-Redakteurin Bettina Riedel sprach mit der Designerin über ihre kreativen Prozesse und ihre Erfahrungen damit, in der hart umkämpften Modebranche ein Unternehmen gegründet zu haben.

Frau Paltinger, Sie sind ,die‘ Dirndl-Designerin schlechthin. Woher kommt die Faszination?
Klar, bei den Dirndl ist die Basisform vorgegeben. Ich meine, es gibt kein Kleidungsstück, das die Figur und die Proportionen einer Frau so positiv darstellt. Man kann wunderbar kaschieren oder herausstellen – die Länge des Rockes, das schöne Dekolleté. Dieses Kleidungsstück kann auch so riesige Wirkungen hervorrufen. Ich sehe das vor allem, wenn Herren mit ihren Gattinnen in den Showroom kommen und die Dame dann das erste Mal im Dirndl sehen – die sind dann immer sehr fasziniert. Es ist ein insgesamt sehr positiv behaftetes Kleidungsstück.

Ich muss gestehen: Ich selbst habe gar keines, vielleicht weil ich einfach noch nicht das passende gefunden habe.
Das gibt es natürlich, also dass man ,sein Dirndl‘ nicht findet. Aber man kann es ja auch in Rock und Mieder unterteilen – und die Kombination auch separat tragen. Mit einer Schürze auf dem Rock sieht es auch wieder wie ein vollständiges Dirndl aus. So kann man es etwas vielseitiger gestalten. Klar gibt es Damen, die sich darin nicht wohlfühlen. Aber ich hab noch nie eine gesehen, die damit nicht gut aussah. Ob sie sich dann selbst gefällt, das ist wiederum eine ganz andere Frage.

Ihr Lebenslauf liest sich sehr beeindruckend – es findet sich sogar ein Praktikum bei Vivienne Westwood.
Richtig, sie ist eine weltweit bekannte Designerin. Das war 1998, also in der Zeit, als sie noch Professorin in Wien war. Dort hat sie eine Professur an der Universität für angewandte Kunst innegehabt und deswegen auch viele österreichische und deutsche Praktikantinnen. Sie ist mit einem Österreicher verheiratet und schätzt unsere Arbeitseinstellung sehr – bei ihr wurde also fast mehr Deutsch als Englisch gesprochen. Es war auch eine ganz tolle Erfahrung, ich bin sehr froh, dass ich sie machen konnte.

Gibt es eine Erinnerung daran, die besonders hervor sticht?
Lehrreiche Erlebnisse gab es ganz viele. Als Schulabgänger denken die meisten, dass sie am liebsten bei einem großen Designer arbeiten möchten. Was ich bei Vivienne Westwood erlebt habe ist, dass jeder extrem viel arbeitet und vor Schauen oft alle Nächte durch. Für mich war es spannend, dass ich die Fashion Weeks in London und Paris mitmachen durfte – da haben wir Praktikanten die Models an- und ausgezogen. Im Anschluss an das Praktikum habe ich mir dann aber gedacht: ,Nein, dort möchte ich nicht arbeiten‘. Einfach, weil diese Branche ein ewiger Kampf ist. Wer dort einsteigt, muss sich lange hocharbeiten. Außerdem schreckte mich die Selbstständigkeit ab. Da war es interessanter, sie als Persönlichkeit selbst zu erleben – sie war im Showroom, kochte sich neben dir ihren Tee… Durch ihre Anwesenheit habe ich sehr viel über die Berufspraxis gelernt.

Trotzdem sind Sie jetzt selbstständig und das auch noch in genau dieser Branche.
Wie so oft im Leben kam alles anders! Mein Weg hat sich tatsächlich einfach so ergeben, es war keine klassische Geschäftsidee. Ich dachte damals auch nicht, dass ich an der Selbstständigkeit ein so großes Vergnügen haben könnte. Vielleicht geht das vielen deutschen Designern so, denn die sind ja international nicht sehr bekannt. Das liegt wahrscheinlich vor allem daran, dass die wenigsten davon bei den großen Modeschauen in Paris, New York oder Mailand mitmischen. Sie verkaufen dagegen sehr viel ins Ausland. Klar, mittlerweile präsentiert sich Berlin mit der Fashion Week in der internationalen Szene und es gibt auch viele namhafte Labels in Deutschland, die auch viel international verkaufen. Jil Sander war in ihrer Zeit sehr groß und international herausragend – das gelingt aber nur sehr wenigen. Obwohl alles so global geworden ist, sind die Deutschen also eher unter sich. Das heißt absolut nicht, dass sie nicht sehr gut sind. Wenn ich mir die heutige Modeszene ansehe, würde ich persönlich auch lieber im Inland ein Praktikum machen. Vor allem bei einer kleineren Firma. Da durchläuft man alle Abteilungen, statt nur irgendwo abgestellt zu werden und dabei auch noch wenig zu lernen.

Mittlerweile sind Sie selbst eine bekannte Persönlichkeit, doch welche Berühmtheit war Ihre erste Kundschaft?
Eigentlich Nina Ruge und Ramona Drews. Und natürlich Giulia Siegel, die drei waren von Anfang an interessiert. Wie arbeitet es sich mit den Stars und Sternchen? Ob ein Kunde sehr anspruchsvoll ist oder nicht, hat meiner Erfahrung nach nichts damit zu tun, ob er in der Öffentlichkeit steht. Am Anfang fand ich das ganz faszinierend, weil man in Mannheim, wo ich herkomme, nur die Namen kennt und dann standen sie plötzlich vor mir im Showroom. An sich sind alle sehr entspannt, aufgeregt bin ich zu solchen Anlässen auch nicht mehr.

Hinter Lola Paltinger steht nicht nur eine bekannte Person, sondern auch ein Unternehmen. Wie darf man sich das vorstellen?
Folgendermaßen: Es gibt in München den Showroom, den ich quasi mit meiner Mutter gestalte. Hier kommen Privatkunden hin und suchen sich ihre Kleider aus. Hier läuft alles zentral zusammen. In Nürnberg sitzt eine kleine Manufaktur, eine Schneiderei, mit zwischen drei bis zehn Leuten – zur Wies’n sind es mehr. Ansonsten also immer eine Leiterin und die Näherinnen. Hier werden die Couture, also die Einzelanfertigungen hergestellt. Größere Serien, also was an den Handel geht, werden in Ungarn gefertigt. Die Firma dort arbeitet natürlich auch für andere Kunden, aber wir haben ein eingespieltes Verhältnis. Außerdem gibt es mein anderes Standbein – das Teleshopping. Hier arbeite ich in Lizenz, ich mache also nur das Design. Die Fertigung, Beauftragung und das Administrative macht mein Team bei HSE. [Anmerkung d. R.: HSE24.de] Hier bin ich nur aktiv, wenn ich den Verkauf auf Sendung mache. Das Gute an dieser Lizenzregelung ist vor allem, dass ich hier keine Investitionen tätigen musste, sondern HSE das volle Risiko übernommen hat. Ansonsten würde ich das alles gar nicht schaffen, dann hätte die Kreativität einfach keinen Raum mehr.

Sie haben eine kreative Ausbildung absolviert und sind als Designerin tätig – in der Selbstständigkeit ist aber auch viel kaufmännisches Wissen nötig.
Ja, schrecklich! Ich muss ganz ehrlich sagen, wir haben ganz klein 1999 angefangen. Und so klein sind wir auch immer noch. Vieles ist ausgelagert, unter anderem an Lizenzpartner, die mir einige administrative Aufgaben ab- oder viel übernehmen, was wegen Messen und Vertrieb anfällt. Trotzdem gehört es zu meinem Job, dass ich täglich lange am PC sitze. Es ist nicht immer das große Design, was ich mache, sondern ich beantworte Mails, bearbeite Rechnungen und so weiter. Es ist teilweise immer an der kritischen Grenze, wo ich mir eine Bürokraft wünsche. Andererseits geht es auch gerade noch so. Ich bin es auch gewohnt, alles selbst in der Hand zu haben.

Wenn man sich Ihre Designs anschaut, landet man schnell bei den Beschreibungen ,opulent‘ und ,prachtvoll‘. Wie beschreiben Sie Ihren eigenen Stil?
Man muss da zwischen den einzelnen Kreationen unterteilen, die Couture beispielsweise ist immer stark im Ausdruck. Da wird stets noch bewusst eins drauf gesetzt – wie mein Klientel es auch wünscht. Passend zum Anlass, die ja meistens sehr festlich sind – Hochzeiten, Taufe oder andere repräsentative Termine. Oder auch einfach auf der Wies’n, wo die meisten auffallen möchten. Ich würde aber nie jemanden in einem Couture-Dirndl aufs Tegernseer Waldfest schicken. Wenn jemand für solche Anlässe eines braucht, dann setze ich eher auf Leinen, im Vergleich zur Couture ein optisch reduziertes Modell. Also vom Stil her nicht so opulent. Ich habe auch die Happy Heidi Linie, in der auch mal bedruckte Baumwolle verwendet wurde oder das Vichy-Karo. Andererseits gibt es auch Kundengruppen wie die Österreicher, die grundsätzlich nicht gar so auffällig gekleidet sein wollen – schulterfreie Blusen sind hier zum Beispiel tabu, weiß muss sie sein und ein Dirndl ohne Bluse geht sowieso nicht. Die Länge muss bis Mitte der Wade gehen, die Stoffe sollten ruhiger sein, nicht selten dunkelgrün oder schwarz. Insofern sind die Designs sehr vielfältig und je nach Anlass angepasst, die prachtvollen Modelle sind nur einfach bekannter.

Diese Unterschiede in Kundenvorlieben lernt man in der Praxis?
Hauptsächlich, ja, aber natürlich auch auf Veranstaltungen wie die Trachtenmessen in Salzburg. Inzwischen mache ich das seit 16 Jahren, da kommt viel Wissen mit der Zeit. Früher habe ich mich auch mehr getraut, ich würd heute aber beispielsweise nie wieder ein Tiger Dirndl machen.

Was sagt die Stylistin in Ihnen zum Trend „Frauen in Lederhosen“? Max Bertl, bayerischer Trachtler, lehnt das deutlich ab.
Dadurch, dass ich nicht wirklich hier aufgewachsen bin, sehe ich das relativ entspannt. Aber auch hier muss man auf die Kombination achten: Keine Hotpants, keine Netzstrumpfhosen und auch keine High Heels. Ich rate eher zu derberen Schuhen, damit das Gesamtbild bodenständiger ist. Dann finde ich es wirklich ganz pfiffig.

Inspirieren Stoffe Sie oder haben Sie schon vorher feste Vorstellungen im Kopf?
Meistens ist es so, dass ich erst den Stoff vor mir brauche und mir dann dazu Dinge einfallen. Ich entwerfe meine Stoffe aber alle selbst und lasse sie dann entweder bedrucken oder weben. Natürlich kann mir auch auf einer Messe auch mal ein super Design ins Auge springen und bevor ich es erst anfertigen lasse, kaufe ich ihn besser ein. Das gibt es schon, aber eigentlich ist alles von mir designt, bis hin zu den Miederhaken. Der Stoff ist tatsächlich der längste Entwicklungszeitraum im Entstehungsprozess eines Dirndls. Denn nach dem Designentwurf wird gewebt, dann erhalte ich die Muster und an diesem Punkt sieht man manchmal direkt, dass es in der Realität nicht so gut aussehen wird.

Wie sieht es dann mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit aus?
Genäht wird wie gesagt in Nürnberg und Ungarn. Die Stoffe werden in Italien und Frankreich gewebt, mein Leinen kommt außerdem aus Irland und der Loden natürlich aus Österreich. Das sind alles sehr lange Geschäftsbeziehungen, die gepflegt werden und im Vergleich zur Billigproduktion in Asien auch ,regional‘.

Nach der Wies’n ist vor der Wies’n – welche Trends deuten sich für 2016 an?
Farblich geht es im Moment gerne in die Nicht-Farben, also eher Mauve, rauchiges Blau, Jeansblau. Und dann eher diffuse Farben, Taupe und Nude werden sich stärker verbreiten. Aber die Klassiker werden bleiben, also ,ordentliches‘ Blau, Rot und Grün. Das wird immer nebeneinander existieren. Die Stoffe werden ursprünglicher, Baumwolle und Leinen – das finde ich an sich auch sehr schön.­

Wie schaffen Sie es, Familie und Beruf zu vereinen?
Der größte Vorteil ist für mich, dass mein Geschäft an meinen Privatbereich angeschlossen ist. Wenn mein Sohn krank ist, dann kann ich zwar nicht groß unterhalten, aber meine Arbeit immer wieder unterbrechen und nach ihm schauen. Manchmal ist es sehr eng, aber so geht es ja jedem.

Hätten Sie zum Schluss noch drei Karrieretipps für unsere Leser?
Ich bin dafür, dass man so viel Praxiserfahrung wie möglich sammelt – also in der Schule und im Studium ganz viele Praktika. Insbesondere Schnupperpraktika, weil sich kaum jemand so richtig vorstellen kann, wie der spezielle Berufsalltag wirklich aussieht. Und wenn es nur zwei Wochen sind!

Für Gründungsinteressierte: Ich halte wenig von Businessplänen und Investoren, denn ein Unternehmen sollte sich gesund aufbauen. Lieber ganz klein anfangen und vielleicht nebenbei noch etwas anderes arbeiten. Damit kann man sein Traumziel wirklich forcieren und ein solides Fundament aufbauen.

Wer gründet, muss sich seine Partner gut aussuchen: Man sollte so früh wie möglich Verträge machen, egal wie gut man sich vorher schon kennt. Die geschäftliche Zusammenarbeit ist einfach etwas ganz anderes als ein privater Kontakt. Die muss offiziell abgesichert und beleuchtet werden.


Lola Paltinger bei Ihrer Arbeit im Studio. Foto: Mila PairanLola Paltinger, Jahrgang ‘72, studierte an der Münchner ESMOD und machte sich vor über 16 Jahren mit dem Label „Lollipop & Alpenrock” selbstständig – obwohl sie ihre Zukunft so eigentlich nicht geplant hatte. Mit etwas Biss, Durchhaltevermögen und Kreativität hat sie sich einen festen Platz in der Modebranche erkämpft. Heutzutage steht der Name Paltinger für opulente Tracht, in der sich Pracht und Tradition zur zeitlosen Faszination Dirndl ergänzen.

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