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Karriere München
Erzieher in der JVA, Pädagoge in der JAA, Pädagoge hinter Gittern, Mädchen dampft aus Ohren, Erzieherin hinter Gittern

Pädagoge hinter Gittern

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By Redaktion on 16. Oktober 2017 Arbeitgeber, Erzieher, Soziales

Für manch einen ist es der letzte Warnschuss vor einer Jugendstrafe: Während des maximal vierwöchigen Jugend­arrests soll straffällig gewordenen Jugendlichen bewusst gemacht werden, dass sie für begangenes Unrecht einzustehen haben. Der Gesetzgeber sieht vor, dass ein Jugendarrest erzieherisch gestaltet wird und Jugendlichen die Möglichkeit bietet, die Schwierigkeiten zu bewältigen, die zur Begehung der Straftat beigetragen haben. Damit das funktioniert, bedarf es Pädagogen wie Tina Federschmidt, die in der Jugendarrestanstalt München Jugendliche wieder auf den rechten Weg bringt.

Frau Federschmidt, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag hinter Gittern? Wie war das damals?
Mein erster Arbeitstag hinter Gittern war der erste Tag meines Praxissemesters während meines Studiums. Das habe ich im Jugendvollzug der Justizvollzugsanstalt Neuburg-Herrenwörth absolviert. Dort wurde ich herzlich von meinen Kollegen empfangen, aber auch die Gefangenen hatten mein Büro mit Bildern gestaltet. Ein etwas komisches Gefühl war es am Anfang schon, insbesondere weil ich die ersten Tage noch keinen eigenen Schlüssel hatte und so für jede Tür, zum Beispiel auch zur Toilette, meinen damaligen Anleiter bitten musste, mir diese aufzusperren.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag in der Jugendarrestanstalt (JAA) aus?
Das ist immer etwas unterschiedlich! Je nachdem, was in der jeweiligen Woche ansteht – in der Regel führe ich Montag und Dienstag die Erstgespräche mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch. Aus diesen ergibt sich dann der jeweilige Betreuungsbedarf, das heißt Motivationsgespräche, Termine klären und vereinbaren, Bewerbungen schreiben, Aufklärung über strafrechtliche Belange, Beratung zu verschiedensten Themen; Familie beispielsweise oder Beziehung, Zukunft, Drogenkonsum … Zudem kümmert sich der Sozialdienst um die Einteilung der Arrestanten in die jeweiligen Gruppenangebote und Angebote von Ehrenamtlichen. Die Organisation von Gruppen, Netzwerkarbeit, Führungen, Anfragen, Dokumentation et cetera gehören ebenfalls zu meinen Aufgaben. Genauso die kurzfristige Krisenintervention, wenn Arrestanten akut Probleme während des Arrestes haben. In manchen Wochen habe ich auch die Möglichkeit, selbst Gruppen anzubieten. Dazu gehören regelmäßig einmalige Angebote, wie etwa Informationen zum Jugendstrafrecht und Vollzug oder eine Gesprächsgruppe zum Thema „Konsum“, aber auch Trainingskurse über mehrere Tage.

Welche pädagogischen Angebote bieten Sie den Jugendlichen an? Ist eine Teilnahme daran verpflichtend?
Die Einzelgespräche beim Sozialdienst sind verpflichtend. Die Teilnahme an weiteren pädagogischen Angeboten ist freiwillig! Einige Beispiele: Kontext Leseprojekt der Hochschule für angewandte Wissenschaften München, Info der Münchner Aids-Hilfe, Berufsberatung, unterschiedliche Soziale Trainings, Ge­sprächsgruppen zu Konsum und Sucht, Zukunft und Freundeskreis. Speziell für Mädchen gibt es auch sexualpädagogische Angebote. Nicht zu vergessen: für alle auch die Möglichkeit zu Gesprächen der Anonymen Alkoholiker, Bewerbungsschreiben, Schuldenprävention, … das volle Programm! Die Jugendlichen nehmen gerne an diesen internen oder externen und ehrenamtlichen Angeboten teil, denn es ist eine Möglichkeit zur Beschäftigung und Ablenkung! Die Angebote finden in den sogenannte „Einschlusszeiten“ statt.

Bietet der Jugendarrest überhaupt genug Zeit, damit sich Jugendliche den Pädagogen öffnen?
Ich bin immer wieder erstaunt, wie offen viele der Jugendlichen sind! Ich denke, für viele ist die Situation hier recht schwierig und sie sind froh, sich unterhalten zu können. Denn im Endeffekt haben sie sehr viel Zeit, die sie mit sich alleine verbringen. Ein wirklicher Beziehungsaufbau ist in dieser kurzen Zeit allerdings schon schwieriger.

Wie ist die pädagogische Nachbetreuung geregelt?
Die Jugendlichen können sich natürlich bei Fragen telefonisch melden. Eine weitere Nachbetreuung durch die JAA findet nicht statt. Eine unserer Hauptaufgaben ist es, Netzwerke außerhalb der JAA im jeweiligen Heimatort für Jugendliche zu nutzen und natürlich ihnen diese aufzuzeigen!

Unterscheidet sich die Arbeit mit Jugendlichen in der JAA im Vergleich zu der mit Jugendlichen draußen auf der Straße?
Ich denke, der Unterschied liegt in der „Verfügbarkeit“ der Jugendlichen. Sie sind vor Ort und greifbar sowie nüchtern! Herausforderungen gibt es trotzdem: In der Kürze der Zeit müssen die jungen Leute für Unterstützungs- und Hilfsangebote motiviert und ihre Veränderungsbereitschaft geweckt werden.

… und am meisten Spaß macht Ihnen?
Die Sozialen Trainingskurse! Hier habe ich ab und an die Möglichkeit, mit einem Kollegen oder einer Kollegin des Allgemeinen Vollzugsdienstes eine Gruppe von Jugendlichen über mehrere Tage hinweg intensiver zu betreuen. Aber im Prinzip gehe ich jeden Tag gerne in den Arrest und mir macht meine Arbeit meistens Spaß.

Wie kann man als Pädagoge in der JAA einsteigen?
Um in der JAA München als Sozialdienst tätig zu werden, müssen Sie ganz regulär an einer Fachhochschule Soziale Arbeit studiert haben. Eine Sonderausbildung ist nicht gefordert.

Gab es einmal einen besonderen Moment?
Ja, bereits einige! Wenn man eine Entwicklung im Laufe des Arrestes feststellt oder wenn Jugendliche sich bedanken zum Beispiel. Oder wenn wir nach dem Arrest noch Rückmeldungen erhalten, dass die ehemaligen Jugendlichen Hilfsangebote wirklich annehmen, vielleicht eine Therapie beginnen und durchziehen, Termine wahrnehmen, die Schule oder Maßnahme wieder besuchen, ein bestimmtes Umfeld verlassen.

Die Arrestanten sind ja nicht umsonst in der JAA gelandet. Erfahren Sie manchmal auch Gewalt?
Im schlimmsten Fall verbal im Sinne von Beleidigungen, allerdings sehr selten. In der Regel sind die Arrestanten mir gegenüber sehr freundlich.


Tina Federschmidt ab­solvierte im Jahr 2007 ihr Studium der Sozialen Arbeit an der Ka­tho­lischen Stiftungsfachhochschule München mit dem Schwerpunkt Gefährdetenhilfe / Resozialisierung. Bis 2008 war sie als pä­dagogische Mitarbeiterin in der Stationären Jugendhilfe, Stiftung St. Zeno tätig und seit 2009 im Sozialdienst der JVA München, eingesetzt in der Jugendarrestanstalt München.


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