
Schon als Kinder träumten Annika Neugart und Charlotte Hovenbitzer davon, eines Tages auf der großen Bühne zu stehen. Heute haben sie diesen Traum verwirklicht und ihr Hobby zum Beruf gemacht: Als feste Ensemblemitglieder sind sie mittlerweile an renommierten Theatern engagiert. Im Interview erzählen sie von ihrem Weg in die Schauspielbranche, den Herausforderungen des Berufs und davon, was sie bis heute an der Bühne begeistert.

Charlotte Hovenbitzer
Charlotte Hovenbitzer ist seit der Spielzeit 2025/26 Mitglied des Schauspielensembles der Theater Chemnitz. Die 2002 in Leipzig geborene Schauspielerin studierte von 2020 bis 2024 an der Otto Falckenberg Schule in München. Schon früh sammelte sie vielfältige Bühnenerfahrungen in freien Produktionen und studentischen Inszenierungen. Darüber hinaus war sie im Kinofilm Der Fleck zu sehen, der auf internationalen Filmfestivals präsentiert wurde.
Du hast schon mit zehn Jahren erste Bühnenerfahrung gesammelt und dich dann für die Otto-Falckenberg Schule beworben – eine der begehrtesten Ausbildungsstätten Deutschlands. Wie läuft so ein Bewerbungsprozess ab, was erwartet einen beim Vorsprechen – und was glaubst du, hat bei dir den Ausschlag gegeben?
Mein Bewerbungsprozess ist mittlerweile schon etwas her, aber ich meine mich zu erinnern, dass
man online Formulare ausfüllen musste. Daraufhin wird man dann zur ersten Runde eingeladen.
Also jede*r kann sich bewerben.
Für die erste Runde musste man an der Falkenberg sehr viel
vorbereiten: drei Monologe (darunter ein klassischer), ein Lied oder Gedicht und einen
selbstgeschriebenen Monolog. Danach gibt es drei Runden, und in der Endrunde ist man drei Tage
vor Ort, schaut gemeinsam Theater, spricht darüber, entwickelt Szenen und macht eine
Bewegungsprüfung.
Das war schon alles sehr, sehr aufregend, aber wenn man mit Spaß an die
Sache herangegangen ist, dann war es irgendwie auch toll. Ich glaube, das war wahrscheinlich auch
der ausschlaggebende Punkt dafür, dass ich aufgenommen wurde: dass man Spiellust gesehen hat
und bei den Dozierenden ein Interesse geweckt hat, auch weiterhin zusammenarbeiten zu wollen.
Schauspiel ist ein Handwerk, das weit über das reine Spielen hinausgeht. Was hast du mitgebracht, das dir von Anfang an geholfen hat – und was musstest du dir in der Ausbildung erst erarbeiten?
Was ich mitgebracht habe, sind Offenheit, Neugier und Empathie gegenüber anderen Menschen und Dingen. Ich glaube, dass das sehr wichtige Eigenschaften für diesen Beruf sind.
Außerdem bringe ich eine gute Portion Ehrgeiz mit. Einen gesunden Umgang damit zu finden, musste ich allerdings während des Studiums erst lernen, da ich mich gerade am Anfang häufig mit anderen verglichen habe – und das für mich eher hinderlich war.
Welche Rolle, welches Haus, welches Projekt – in deiner Karriere wirst du noch viele solcher Entscheidungen treffen. Nach welchen Kriterien entscheidest du, was du annimmst – und was lehnst du ab?
Also ehrlich gesagt kann man sich das in den seltensten Fällen aussuchen. Die Jobsituation ist zurzeit sehr schwierig – sowohl im Film als auch im Theater.
Man kann gerade froh sein, wenn man überhaupt ein Angebot bekommt, besonders für eine feste Stelle am Theater. Dennoch gibt es auch für mich einige Sachen, die ich ablehnen würde – aber eher projektbezogen, also wenn man frei arbeitet und ein Angebot für eine Produktion am Theater oder im Film bekommt.
Es gibt diese schöne „KISS-Regel“. Dabei steht K für Kapital, I für Image und S für Spaß. Wenn zwei Faktoren stimmen, dann mache ich das Projekt meistens. Wenn man im Festengagement ist, kann man sich die Produktionen meistens nicht aussuchen.
Viele junge Menschen träumen davon, ihr Hobby zum Beruf zu machen – aber der Schritt dahin ist oft größer als gedacht. Was würdest du ihnen mitgeben: Wann ist ein Hobby mehr als ein Hobby – und wie findet man heraus, ob man wirklich bereit ist, alles dafür zu geben?
Ich glaube, das findet man nur heraus, indem man es ausprobiert. Das ist jetzt vielleicht nicht der beste Rat, aber ich kann mir das selbst noch nicht einmal beantworten.
Was gegeben sein sollte, bevor man es probiert, ist der Spaß an dem Hobby – dass man wirklich Lust und Freude daran hat und mit Leidenschaft dabei ist. Und wenn man dann die Chance bekommt, das Hobby als Beruf auszuüben, dann muss man sich immer wieder selbst fragen: Ist das das, was ich machen möchte? Habe ich noch Spaß daran? Und vor allem: Erfüllt es mich? Aber ich glaube nicht, dass man sich das im Vorhinein beantworten kann – deshalb muss man es ausprobieren.
Und falls man das Hobby zum Beruf macht, dann noch ein kleiner Tipp von mir: Sucht euch wieder neue Hobbys 😉
Annika Neugart
Annika Neugart gehört seit der Spielzeit 2024/25 zum festen Ensemble der Münchner Kammerspiele. Geboren 2001 und aufgewachsen nahe Freiburg, begann sie 2020 ihr Schauspielstudium an der Otto Falckenberg Schule in München. Bereits während ihrer Ausbildung stand sie auf renommierten Bühnen, darunter das Münchner Volkstheater, die Münchner Kammerspiele und das Staatstheater Cottbus.
War Theater von Anfang an dein Ziel – oder hast du dir ursprünglich etwas ganz anderes vorgestellt? Die Otto-Falckenberg Schule ist eine der renommiertesten Ausbildungsstätten Deutschlands, eng verzahnt mit den Münchner Kammerspielen. Wie bist du dorthin gekommen – und wann war dir klar, dass du genau diesen Weg gehen willst?
Für mich war schon sehr früh klar, dass es irgendwie auf die Bühne geht.
Ich komme vom Dorf und habe dort im örtlichen Kinderchor gesungen. Jedes Jahr führten wir ein Musical auf und da habe ich das erste Mal bemerkt, dass mir das Spaß macht. Später im Gymnasium habe ich dann in der Theater-AG mitgespielt, da hatte ich einen sehr engagierten Lehrer, der mit uns zusammen ins Theater gegangen ist. Das war ein ganz wichtiger Moment für mich. Daraufhin war mir klar, wenn das Theater kann, muss ich das machen.
Der Lehrer hat mich dann auch sehr darin unterstützt, an Schauspielschulen vorzusprechen. Und so habe ich mich an vier staatlichen Schauspielschulen beworben. In Berlin an der Ernst Busch, in Leipzig, am Max Reinhardt Seminar in Wien und an der Otto-Falckenberg-Schule.
In Leipzig und Berlin bin ich jeweils sofort in der ersten Runde ausgeschieden. In Wien und München habe ich einen Platz bekommen. Aus dem Bauch heraus beschloss ich dann, nach München zu gehen – ich fühlte mich dort einfach wohler.
Wie erlebst du München als Schauspielstadt? Und was bedeutet es für dich, hier kontinuierlich in einem Ensemble zu arbeiten, statt von Produktion zu Produktion zu springen?
München ist als Schauspielstadt sehr vielfältig. Es gibt allein drei Schauspielhäuser, eine lebendige freie Szene und eine Filmlandschaft. Zurzeit ist es leider nicht einfach. Am Theater spüren wir die Kulturkürzungen und die Gefahren aus dem politisch rechten Spektrum. Trotzdem ist es natürlich toll, in so einem phantastischen Ensemble spielen zu dürfen.
Für mich ist es die zweite Spielzeit im Engagement und ich habe langsam das Gefühl, fast alle Kolleg*innen auch auf der Bühne kennengelernt zu haben. Das macht mich persönlich in meinem Spiel sicherer.
Während des Studiums habe ich bereits am Staatstheater Cottbus bei einer Produktion gastiert. Für die Vorstellungen bin ich dann immer nach Cottbus gefahren. Das war auf Dauer schon sehr anstrengend und ich bin froh, zum einen die finanzielle Sicherheit eines festen Gehalts zu haben, zum anderen die künstlerische Kontinuität.
Schauspiel bedeutet immer auch, sich auf fremde Figuren einzulassen, Dinge zu verkörpern, die weit von einem selbst entfernt sind. Was gibt dir am meisten – und was kostet dich am meisten Kraft?
Ich glaube, es ist immer wichtig, einen Ausgleich zum Beruf zu finden. Die meisten Menschen in künstlerischen Berufen haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. So war das auch bei mir. Anfangs ist das sehr aufregend, aber ich habe schnell festgestellt, dass das, was bisher mein „Ausgleich“ war, jetzt mein Alltag und damit auch ein Stressfaktor ist.
Um künstlerisch nicht irgendwann auszubrennen, muss ich mir Inseln schaffen, auf denen ich etwas anderes tue. Daraus kann ich dann wieder meine Figuren entwickeln und behalte die Lust am Spielen.
Du hast mit Anfang zwanzig direkt nach der Ausbildung ein Festengagement in einem der renommiertesten Theater Deutschlands bekommen. Was brauchst du deiner Meinung nach für diesen Beruf – außer Talent?
Glück. Ich hatte das große Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Wenn man diesen Beruf machen will, muss man sich darauf vorbereiten, immer wieder Ablehnung zu erfahren.
Das hat oft erstmal nichts mit einem selbst zu tun, sondern ist den Umständen geschuldet (keine Vakanzen, der eigene Typ wird nicht gesucht, usw.). Trotzdem ist das sehr frustrierend und braucht eine hohe Resilienz. Wer sich dem nicht aussetzen will, sollte diesen Beruf nicht machen.