Vision: Das Vorbild im All sein

Als Jugendliche sorgte ihr Traum für Gelächter: Suzanna Randall wollte die erste Frau auf dem Mars werden. Mittlerweile hat sie nicht nur in Astrophysik promoviert, sondern ist auch eine Trainee der Initiative „Die Astronautin“ – ihrem Traum ist sie damit (quasi) einen ganzen Schritt näher gekommen. Im Gespräch mit Bettina Riedel von karrieremuenchen.de erzählt sie, warum es eine private Initiative braucht, um das Thema Gender Equality bei Astronauten auf den Tisch zu bringen.

Dr. Randall, Sie möchten die erste deutsche Astronautin im Weltraum werden. Jetzt ist die erste Mondlandung schon einige Jahrzehnte her und es verwundert, dass es noch nicht geklappt hat.
In der Tat. Deutschland ist – nach den USA und Russland natürlich – eines der Länder, das die meisten Astronauten ge­stellt hat, nämlich elf Stück. Alle anderen, die mehr als zwei oder drei entsendet haben, hatten schon eine Frau dabei.

Die Amerikaner haben in der letzten NASA-Ausschreibung sogar darauf ge­achtet, dass die nächste Generation der Astronauten zu 50 Prozent weiblich ist. Aus deutscher Sicht senden wir also ein sehr schlechtes Signal an unsere Mäd­chen. Ich selbst bin bilingual aufgewachsen und habe so durch englische Literatur Sally Ride entdeckt, die erste Amerikanerin im Weltraum. Das hat in mir den Wunsch geweckt, es ihr gleich zu tun. Sie war eine sehr coole Frau, die viel für die Lehre und Frauenförderung getan hat. Für die nächs­­te Generation wünsche ich mir, dass Frauen in wirklich allen Karrierezweigen und gerade auch in den pres­-tigeträchtigen Berufen vertreten sind.

Wie steht es denn um die Frauenquote im Bereich Astrophysik?
Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus weiß ich, dass es in der Astronomie mehr Frauen gibt als beispielsweise in der IT oder den Ingenieurswissenschaften.

Das eigentliche Problem ist: Wenn es in die höheren Riegen geht, fällt das Verhältnis wieder stark ab – und daran müssen wir zukünftig arbeiten.

Inwiefern?
In akademischen Berufen ist es so, dass die Absolventinnen relativ spät auf den Arbeitsmarkt kommen. Es braucht aber Zeit, bis sich eine Karriere richtig etabliert und gerade, wenn sie Fahrt aufnimmt, wird es für Akademikerinnen Zeit für Kinder, wenn sie welche wollen. Dann gibt es einige Jahre Babypause und anschlie­ßend Teilzeitstellen, der Mann verdient derweil weiterhin mehr.

Irgendwann ist es zu spät für die Karriere – ich denke, es wäre optimal, wenn sowohl Mutter als auch Vater vielleicht zu 70 Prozent weiterarbeiten können. Wie man das genau umsetzt, dafür habe ich aber auch keine Blaupause in der Schublade. (lacht)

Ohne ein Vorbild wäre ich jetzt nicht Teil dieses Traineeprogramms

Kommen wir zurück zu Sally Ride. Ihre persönliche Faszination für den Weltraum wurzelt in der Kindheit?
Ja, aber in meinem Umfeld gab es keinen speziellen Bezug dazu. Schon als kleines Kind fand ich den Mond toll und saß mit einem Fernglas im Garten, habe die Sternbilder gemalt und gelernt. Als ich lesen konnte, habe ich zunehmend alles verschlungen, was es zu dem Thema gab.  Als Jugendliche habe ich allen erzählt, dass ich die erste Frau auf dem Mars sein möchte. Das sorgte in der Regel für Gelächter. Meine Eltern haben mich unterstützt, daher konnte ich in London immerhin Astrophysik studieren. Im Ge­gensatz zu Deutschland ist es dort möglich, von der ersten Studienwoche an direkt am Teleskop zu arbeiten. Das klingt jetzt alles wie ein Plan aus einem Guss, aber man muss ganz klar sagen: Astronaut ist kein Beruf, auf den man sich konkret vorbereiten kann – dafür gibt es zu wenige Plätze. Deswegen macht es auch keinen Sinn, seine Karriereplanung in diese Richtung auszulegen.

Schade, dass es für Frauen eine private Initiative braucht.
Richtig, ich möchte auch noch einmal kurz unterstreichen, dass es keine staatlich geförderte Initiative ist, wir sind also keine ESA-Astronauten. Die Initiative wurde von Claudia Kessler gegründet, weil sich etwas ändern muss. Der Beruf der Astronauten ist symbolträchtig, Kinder wollen es schon in jungen Jahren werden, in den übrigen Altersklassen sind die Bewunderung und das Ansehen groß. Wir können so nicht weitermachen.

Wie soll es denn weitergehen?
Die letzte ESA Ausschreibung war 2008, wir wissen nicht sicher, wann die nächste kommt. In der Zwischenzeit arbeiten wir daran, durch die Initiative Sponsoren zu finden und Rückhalt in der Bevölkerung. Unser Traineeprogramm ist deswegen auch noch nicht voll strukturiert. Aktuell arbeite ich zu 70 Prozent bei der ESO (Europäische Südsternwarte mit Teleskopen in Chile, Anm. d. R.) und wurde für 30 Prozent von meinem Vollzeitjob freigestellt, um das Traineeprogramm zu durchlaufen. Das ist eine sehr attraktive Vereinbarung, für die ich sehr dankbar bin. Fakt ist, dass das Programm kein Vollzeittraining ist. Im März haben wir schon einige Parabelflüge absolviert und die Schwerelosigkeit getestet – ein tolles Er­lebnis! Ende Mai sind wir aus den USA wiedergekommen, wo wir uns mit Anbietern von Weltraumflügen getroffen ha­ben.

Sie sprechen von SpaceX und …?
… und Boeing mit dem Starliner. Natürlich entwickeln wir keine eigene Rakete, aber bisher konnte man nur bei den Russen einen Sitz kaufen. Sie sind die einzigen, die bemannte Missionen an die ISS schicken, das heißt, dass sie als Monopolanbieter sehr teuer sind. Die Crew-Dragon Raumkapsel von SpaceX und der Starliner werden Ende des Jahres oder Anfang 2019 die ersten bemannten Testflüge starten. Beide haben ein Ausschreiben der NASA gewonnen, um Flüge zur ISS anbieten zu dürfen. Die meisten der Sitze werden von NASA-Astronauten besetzt, aber die übrigen mit kommerziellen Passagieren.

Dürfen Sie einen Preis nennen?
Wir haben keine Zahlen bekommen, aber wir planen mit dem Betrag von zirka 50 Millionen. Kann auch sein, dass es etwas günstiger wird, wenn sowohl SpaceX als auch Boeing gleichzeitig fertig werden.

Für mich ist es das Risiko wert, auch wegen der Vorbildfunktion

Wie bereitet man sich vor?
Nach den Parabelflügen geht es weiter, je nachdem mit welchem Anbieter wir fliegen, denn jeder hat sein eigenes Trainingsprogramm. Boeing und SpaceX haben von zirka 150 Stunden für das Launcher-Training für den Flug zur ISS gesprochen, man wäre also nach ein paar Wochen damit durch. Sicherheitstrainings, Russisch et cetera käme on top hinzu. Geplant ist, dass wir für zirka sieben Tage auf der ISS sind und dort Experimente durchführen.

Also müssen wir nicht nur für den Flug trainieren, sondern auch die Experimente machen können. Welche wir im Detail durchführen, hängt von den Sponsoren ab – klar, humanphysiologische Experimente werden Teil des Ganzen sein, weil dem DLR zum Beispiel noch keine Daten über den weiblichen Körper in längerer Schwerelosigkeit vorliegen. Ansonsten eignet sich Forschung in der Schwerelosigkeit insbesondere für den Bereich Materialphysik, also für Technologiekonzerne. Wir müssen uns in bestehende Infrastruktur einfügen, das klären wir mit der NASA ab.

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Das klingt nach Netzwerken, politischem Kalkül und das Ganze auf internationalem Level. Ein echtes Spannungsfeld.
Richtig. Mittendrin muss ich mich auch noch in Raumfahrttechnik weiterbilden, Vorlesungen besuchen, büffeln und im Sommer den Pilotenschein anfangen.

Wie gehen Sie mit der Unsicherheit um, dass es gar nicht klappen könnte?
Ich bin mir voll im Klaren darüber, dass mit dem Traum nichts werden könnte. Karrieretechnisch habe ich Glück, dass die ESO mich so unterstützt. Es macht Spaß, ich lerne viel, kann reisen – insofern kann ich es sehr unaufgeregt angehen und wenn es nicht klappen sollte, falle ich auf meine Erfahrungen und meine Karriere zurück, die parallel weiterläuft.

Haben Sie hinsichtlich des Fluges keine Angst?
Vor dem Start und der Landung habe ich viel Respekt, denn das sind die Punkte, an denen am meisten schief ge­hen kann. Mir ist das Risiko bewusst, aber ich denke, es ist vertretbar. Wir haben mit den Anbietern viel über Sicherheit gesprochen, die haben sehr strenge Auflagen der NASA. Für mich persönlich wäre es das wert, auch wegen der Vorbildfunktion.

Welchen Karrieretipp würden Sie jungen Berufseinsteigerinnen gerne an die Hand geben?
Lasst euch nicht abbringen, wenn euch etwas interessiert. In der Promotion war ich die einzige Frau mit fünf Kollegen. Da kamen halb scherzende, halb ernst gemeinte Bemerkungen, keineswegs bösartig, aber schon stichelnd. Auf Dauer kann so etwas zermürben und dann setzt der Selbstzweifel ein. Wenn andere es euch nicht zutrauen, glaubt an euch selbst und bleibt dran – dann könnt ihr mit ein bisschen Glück alles erreichen!

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