Sammy Khamis: Fakten statt Fake-News

Sammy Khamis ist nicht den konventionellen Weg eines Reporters gegangen: Er hat über Umwege sein Interesse am Journalismus und dem Kontakt zu Menschen entdeckt und diese Leidenschaft zu seinem Beruf gemacht. Im Gespräch mit karrieremuenchen.de erzählt der BR- Journalist von den Anfängen seiner Karriere und hält einige Tipps für Nachwuchsreporter:innen bereit. 

Sammy, vorweg herzlichen Glückwunsch zu deiner Auszeichnung „Journalist des Jahres regional“. Wofür genau hast du den Preis erhalten?
In der Begründung wurde angemerkt, dass ich seit Beginn der Corona-Pandemie viele Faktenchecks geschrieben habe – gerade zu Beginn der Pandemie gab es zahllose Falschbehauptungen und Lügen, die in Umlauf waren. Ein Satz in der Begründung, über den ich mich besonders freue: „Khamis findet Geschichten, die es ohne ihn nicht gegeben hätte.“

Was hat dich dazu bewegt, Journalist zu werden?
Genau genommen bin ich ein Quereinsteiger. Vor zehn Jahren, im Januar 2011, war ich in Ägypten. Mein Vater stammt aus dem Land und ich fühle mich dort ebenfalls zu Hause. Zu dieser Zeit demonstrierten Hunderttausende für das Ende der Herrschaft Husni Mubaraks. Ich war damals mittendrin. Das hat mich zum einen geprägt und mir zum anderen die Möglichkeit gegeben, erste journalistische Schritte zu machen: Ich schrieb einen Blog und wurde von deutschsprachigen Medien und Radiosendern interviewt. Daraus ergaben sich Praktika und erste bezahlte Radiobeiträge für die Radiosendung Zündfunk auf bayern2.

Empfiehlst du, Journalismus zu studieren oder ist es wichtiger, sich mit einem Fachthema auszukennen?
Ich selbst habe keine Ausbildung im Journalismus, sondern ein Studium im Themengebiet Politik und Anthropologie abgeschlossen. Dort habe ich gelernt, mit Menschen (Forschung) und Texten (Theorie) umzugehen. Die Menschen waren mir immer „näher“. Im Rückblick war die Entscheidung vielleicht schlüssig, aber während meines Studiums wusste ich quasi nichts über Journalismus oder wie man einen Fuß in die Tür bekommt. Die Eintrittshürden sind hoch und Menschen mit Migrationsgeschichte kaum existent.
Ausbildungen an Journalismus-Schulen helfen immens: beispielsweise, um das Handwerk zu erlernen, um den Unterschied zwischen einem Text für eine Zeitung, im Gegensatz zu einem Radiobeitrag oder einer TV-Doku zu erkennen. Sie sind aber genauso hilfreich ein Netzwerk aufzubauen, um Leute in verschiedenen Institutionen, wie beispielsweise Verlage, TV-Sender oder öffentlich-rechtliche Medien, kennenzulernen.

Auf welchen deiner Artikel bist du besonders stolz? Gibt es ein Themengebiet, welches dir am Herzen liegt beziehungsweise bei dem dir die Recherche besonders Spaß gemacht hat?
Seit der Corona-Pandemie kann ich nicht mehr machen, was mir am meisten Spaß macht: rausgehen und Leute treffen. Deshalb würde ich gerne zwei Artikel nennen: aus dem Jahr 2020 eine Recherche, die zeigte, wie aus Gerüchten im Netz eine Kampagne gegen Markus Söder wurde, die sogar von Mitgliedern des Bundestages aufgegriffen wurde. Als Zweites die YouTube Reportage „Coming of Rage“, die wir ohne großen Konzern im Jahr 2014/15 drehten. Wir versuchten aufzuzeigen, wie die Finanzkrise in Griechenland Auswirkungen auf die junge Generation des Landes hatte – positiv wie negativ.

Hättest du 3 goldene Regeln für eine sorgfältige Recherche?

  • Bleibe kritisch, auch wenn dir ein Thema oder die Person, über die du schreibst, super sympathisch ist.
  • „Turn every page“ – also: Lies jede Seite eines Dokuments, jede Zeile einer Aussage ganz genau.
  • Bleibe fair, höre immer die Gegenseite. Werde nicht aktivistisch.

In vielen deiner Beiträge nimmst du kritisch Stellung gegenüber der Politik, der Gesellschaft oder einzelnen Personengruppen. Wie gehst du mit Kritik um, die von dort zurückgespielt wird?
Ich habe kein Problem, kritisch gegenüber der Politik aufzutreten, denn als Journalist ist das meine Aufgabe. Politiker:innen müssten sich an ihren Aussagen und Versprechen messen lassen und der Umgang mit der Politik ist in der Regel fair. Völlig anders sieht das bei Extremist:innen aus, über die ich auch viel berichte. Wenn man in der Berichterstattung fair bleibt, aufschreibt und erzählt, was ist, dann – meine Erfahrung – kommen selten heftige Bedrohungen. Mit Drohungen umzugehen ist nicht einfach. Ich habe eine tolle Frau und gute Freunde, die mir zuhören, wenn es persönlich wird. Das hilft.

Was planst du für 2021?
Ich bin seit kurzem Reporter in der Abteilung BR Recherche und damit Investigativ-Reporter. Ich plane also viele spannende Geschichten, die bestenfalls Missstände aufdecken. Details kann ich da keine erzählen. (lächelt)

Zu guter Letzt: Hast du Tipps für junge Reporter:innen, die sich aus der breiten Masse abheben möchten?
Als ich anfing, sagte mir ein Bekannter, für mich ein Vorbild und ein herausragender Fotograf, einmal: „Good work will always be recognized” also „gute Arbeit wird immer Anerkennung finden“. Mir hat der Satz geholfen. Ich weiß nicht, ob man sich „von der Masse abheben“ muss. Es gibt so viele tolle Kolleginnen und Kollegen, von denen ich mich wenig unterscheiden möchte. Mein Rat wäre eher: Blickt auf Themen, auf die sonst niemand, oder kaum jemand, blickt. Und dann: bleibt dran! Ich musste über 30 Jahre alt werden, um ansatzweise „meine Stimme“ zu finden; also zu wissen, wie ich schreibe, spreche und Fragen stelle. Deswegen ist mein Tipp: Lasst euch Zeit.

Schriftliches Interview von Lisa-Sophia Albrecht.

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