Immer weiter, höher, schneller und mehr?

Hier ein Meeting, dort eine Deadline, das soziale Umfeld stellt in Form von Freunden und Familie auch noch Ansprüche und schon ist man mittendrin in einem Chaos aus Leistungsdruck, unerfüllten Ansprüchen, Stress und permanenter Belastung.

Herr Ball, Sie gehen zunächst von der Annahme aus, dass der heutige Alltag immer anspruchsvoller geworden ist. Worin sehen Sie die Ursache hierfür und wie genau wirkt sich das auf den Menschen aus?
Allein die technischen Großentwicklungen wie die Digitalisierung erfordern durch ihre Fülle und Intensität schnelle Umsetzungsverantwortung. Dadurch sind wir zunehmend verführt, diesen immer größer werdenden Umfang an Aufgaben bewältigen zu müssen, ohne dabei auf uns selbst zu achten. Solange wir kein „Stopp“ in uns wahrnehmen – etwa körperliche Symptome – glauben wir, immer weiter maximale Leistung bringen zu können. Wir sind zunehmend „außer uns“ vor Arbeit und Stress worin die Gefahr letztlich wächst, mental auszubrennen und selbst unterversorgt zu sein.

Die beiden großen Themen in Ihrer Arbeit sind „Opferrolle“ und „Krise“. Sie beschreiben beispielsweise, wie uns Veränderungen in Krisen stürzen können. Das hört sich ja an, als sei unsere Ausgangssituation ganz schön negativ …
Die Ausgangssituation ist immer zunächst wertfrei zu sehen. Wenn wir uns ihr annehmen und proaktiv etwas für uns Nützliches daraus machen, dann stellen wir uns dem Weg, den wir zu gehen haben. Tun wir es nicht, lehnen wir das Geschehene ab oder planen eigene Dinge, stellen wir uns gegen diesen natürlichen Fluss des Lebens. Wir kommen dann in eine passive Rolle des Jammerns und Klagens. Unser inneres Kind meldet sich und geht in die Opferhaltung. Oder wir lehnen den Weg der Entwicklung, wie er sich jetzt gerade zeigt, ab, weil er nicht in unsere Planung passt. Diesen Unterschied nennen wir dann „Krise“. Für beides – Krisendefinition und -empfindung sowie Opfer sein – haben wir die Verantwortung und sind Schöpfer des eigenen Erlebens.

Muss ich mich als potenzieller Käufer Ihres Buches denn in einer solchen Krise befinden oder lohnt es sich, mit Ihnen proaktiv zu werden?
Beides. Stecke ich selbst in einer Krise, kann das Buch dem Leser Selbstreflexion, Trost und wertvolle Orientierungsimpulse geben, um selbst gut mit der Situation umzugehen. Bin ich gerade im Gegensatz in einer entspannten Situation, dient die Lektüre als gewinnbringende Prävention und als Arbeitsbuch um zu lernen, für sich selbst zu sorgen, damit ich erst gar nicht in eine so heftige Situation gerate.

Sie glauben an ein humanistisches Menschenbild und demnach an den Drang eines jeden Menschen, sich selbst zu verwirklichen und Eigenverantwortung zu übernehmen. Auf Ihrem Buchcover verkünden Sie provokativ, dass diese Art von Verantwortung aber gar keinen Spaß macht. Können Sie uns diesen Zusammenhang erklären?
In vielen meiner Coachingsitzungen erlebe ich, dass meine Klienten mit ihrer Thematik zwar zu mir als Coach kommen und die Erwartung haben, dass ich eine Lösung samt Heilung liefern kann. Bringe ich nun den Klienten ganz im Sinne des Coachens in die Bewusstheit der Eigenverantwortung und „droht“ dadurch eine Lösung für ihn, kann der Klient den Coachingprozess unterbrechen oder gar canceln, weil es nun an ihm selbst liegt, seinen Veränderungsprozess anzustoßen und gegebenenfalls sein Verhalten auf seiner Werteebene zu reflektieren und zu verändern. Im Außen ist nun keine Schuld mehr zu finden, sondern der Klient selbst kann es nun richten. Das macht nicht immer und wirklich Spaß, jedoch nachhaltig Sinn für jeden, der in diesem Veränderungsprozess steckt.

Mit „Der Selbst-Coach“ haben Sie ein Selbsthilfeprogramm kreiert. Diese Art von Literatur ist mit vielen Vorurteilen belastet – sind Sie davor zu Beginn zurückgeschreckt?
Wenn es Vorurteile gegen „Selbsthilfe“ geben sollte, entstehen diese in dem, der diese Unterstützungsform zunächst ablehnt – im Außen wie in sich selbst. Lehne ich im Außen etwas ab, hat es im Sinne des Resonanzgesetzes etwas mit mir selbst zu tun und spricht das an, woran ich selbst arbeiten darf. Wo ich ablehne, übernehme ich noch keine Verantwortung mir selbst gegenüber.

Drehen wir den Spieß mal um: Wie finden Sie selbst immer wieder die Motivation, andere Menschen am Tiefpunkt zu pushen und zu unterstützen?
Meine Überzeugung, dass wir uns selbst am wirkungsvollsten und nachhaltigsten „pushen“ können, trägt mich durch meine Arbeit. Ich sehe mich als Selfment®Coach auch immer als Erinnerer dessen, was jeder ohnehin lange in sich trägt und nur noch nicht für sich und andere nutzt.

Sie bieten dem Leser nach jedem Kapitel an, selbst aktiv zu werden und die gelernten Denkansätze auszuweiten. Was ist Ihre Erfahrung mit dieser Art der Selbsterforschung?
Eine für beide Seiten zum Selbstdenken animierende Frage führt auch beide in eine Selbst-ver-antwort-ung. „Wir geben uns selbst eine Antwort“. Die Konsumhaltung und Berieselungstaktik unserer Gesellschaft im Bereich der Information hat verlernt, gute Fragen zu stellen. Die Ansage oder Aussage, der Tipp oder Rat steht in der Kommunikation immer noch hoch im Kurs. Diese Haltung ermöglicht nicht eine selbstdenkende Reflexionsfähigkeit, geschweige denn eine emotionale Berührtheit im Dialog.

Gleich zu Beginn Ihres Buches halten Sie ein Plädoyer für Pippi Langstrumpf, frei nach dem Motto „ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Hätten Sie zum Abschluss drei leicht umsetzbare Tipps um genau diese Einstellung im Alltag umsetzen zu können?

  • Nimm die Dinge, die in deinem Leben so an, wie sie kommen und sich zeigen.
  • Beobachte und lasse sie und bewerte sie nicht.
  • Geh mit den Dingen weiter und frage dich: Was bedeutet das Geschehene für mich persönlich jetzt für meine Eigenverantwortlichkeit?

Mehr zum Selbst-Coach Thierry Ball auch auf seiner Website!

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