„Bei uns gibt es sehr viele gut ausgebildete Frauen“

Für viele Berufstätige bedeutet die Familienphase nach der Geburt ihres Kindes erst einmal den typischen Karriereknick: Sei es aus infrastrukturellen, gesellschaftlichen oder persönlichen Gründen, es gibt viele Hürden zu meistern. power_m hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Menschen beim beruflichen Wiedereinstieg zu unterstützen. Welche Schwierigkeiten dabei besonders häufig auftreten und wie die konkreten Fördermaßnahmen bei power_m aussehen, erzählen Daniela Weidlich und Monika Wegat im Gespräch mit karrieremuenchen.de.

Frau Weidlich, was ist power_m und welcher Gedanke steckt dahinter?
Im Jahr 2009 hat das Bundesfamilienministerium – damals noch unter Ursula von der Leyen – das bundesweite Modellprojekt „Perspektive Wiedereinstieg“ gestartet, um Frauen und Männer nach einer Familienphase bei der Rückkehr ins Berufsleben zu unterstützen. Als Stadt München haben wir beschlossen, uns mit einem lokalen Projekt zu beteiligen: Wir haben einen Verbund aus erfahrenen Weiterbildungseinrichtungen gegründet, der bis heute erfolgreich unter der Marke power_m zusammenarbeitet. power_m steht für profiling und orientierung für wiedereinsteiger*innen in der region münchen. Seit 2008 hat power_m 5.500 Eltern dabei unterstützt, ihren beruflichen Wiedereinstieg umzusetzen.

Dank der Förderung durch die Landeshauptstadt München, den Europäischen Sozialfonds und das Bundesfamilienministerium ist das Angebot für Teilnehmende aus der Region München kostenfrei.


© Daniela Weidlich (Foto: Erika Hauri)

 

Daniela Weidlich hat Sozialwissenschaften studiert und mehrere Jahre in dem Bereich geforscht. Seit 1994 ist sie in der Kommunalverwaltung in der Qualifizierungs- und Beschäftigungspolitik tätig, analysiert die Entwicklungen rund um Erwerbstätigkeit und Arbeitsmarktsituation von Frauen und konzipiert Modellvorhaben in diesem Bereich. 

 


Inwiefern ist München ein besonderer Fall, was den Wiedereinstieg betrifft?
Weidlich: München ist eine typisch westdeutsche Stadt, in der die Erwerbsbeteiligung von Eltern nach der Geburt der Kinder zurückgeht. Allerdings hat sich dies in den letzten zehn Jahren – wahrscheinlich auch aus finanziellen Gründen – verändert. Immer weniger Menschen mit Kindern hören komplett auf zu arbeiten, sondern kommen überwiegend in Teilzeitbeschäftigung zurück.

Andere Charakteristika sind konstant geblieben: Der/die typische power_m-Teilnehmer:in ist zirka 42 Jahre alt und hat zwei Kinder. Während vor zehn Jahren allerdings eine Familienphase von im Schnitt zehn Jahren üblich war, reduziert sich dies heute auf sieben Jahre.
Eine weitere Besonderheit Münchens ist der boomende Arbeitsmarkt der letzten zehn Jahre. Das hilft natürlich allen Erwerbstätigen und Wiedereinsteiger:innen. Außerdem wurden viele internationale Fachkräfte von Firmen angeworben, die mit ihren Familien nach München gezogen sind. Die Ehepartner:innen wollen auch an ihre vorherige berufliche Laufbahn anschließen und haben sich Unterstützung beim Wiedereinstieg gesucht. Insgesamt sind bei power_m sehr viele gut ausgebildete Fachkräfte, die über eine Berufsausbildung beziehungsweise Hochschulstudium verfügen. Für sie besteht die Herausforderung, die eigenen beruflichen Stärken und Kompetenzen wieder zu definieren und sich für den Bewerbungsprozess gut aufzustellen.

Frau Wegat, was macht den Wiedereinstieg in den Beruf nach einer langen Pause so schwierig?
Für viele Eltern ist durch die Familienphase das berufliche Selbstbewusstsein verloren gegangen und Bewerbungs-Know-how scheinbar veraltet. Auch diejenigen, die nur kurz aus dem Erwerbsleben ausgestiegen sind, stellen sich die gleichen Fragen: Was kann ich noch? Wo will ich hin? Was bin ich wert? Sie übersehen, dass in dieser Erwerbspause dennoch berufsrelevante Kompetenzen wie Organisation, Kommunikation und Planung erworben oder – oftmals unsere Teilnehmer:innen im Ehrenamt engagiert – deutlich vertieft werden. Hinzukommt, dass die meisten Rückkehrer:innen in Teilzeit wieder einsteigen wollen. Und die Konkurrenz um qualifizierte Teilzeitstellen in München ist hoch, viele werden durch persönliche Kontakte vergeben.

Eine besondere Herausforderung für Wiedereinsteiger:innen sehen wir daher im Aufbau von beruflichen Netzwerken. Hier wieder sichtbar zu sein, ist enorm wichtig, und ist daher auch ein Schwerpunkt unserer Beratung.


Monika Wegat ist Diplom-Kauffrau und zertifizierter Coach im Projekt power_m Perspektive Wiedereinstieg. Sie kommt aus dem Talent Management einer internationalen Strategieberatung und eines Telekommunikationskonzerns und begleitet seit über 10 Jahren Frauen und Männer in beruflichen Veränderungsprozessen. Parallel zu ihrer Tätigkeit bei power_m arbeitet sie als Leadership und Team Coach in der Führungskräfte- und Organisationsentwicklung.


Wie verläuft ein Wiedereinstieg mit power_m in etwa?
Wegat: Der erste Schritt ist der Besuch einer Informationsveranstaltung. Im Anschluss daran können alle Interessent:innen einen Termin zur persönlichen Erstberatung ausmachen. Nach einer ausführlichen Erstberatung, in der auf die individuellen Bedürfnisse und beruflichen Ausrichtungen eingegangen wird, arbeiten die Teilnehmer:innen in Workshops ein individuelles Kompetenzprofil heraus. Durch Selbstbeobachtung und Fremdeinschätzung in einzelnen Übungen und Rollenspielen helfen wir den Teilnehmer:innen, klar zu definieren, was für sie bei ihrem Wiedereinstieg wichtig ist. Viele nutzen unser Begleitprogramm auch dazu, frühere Karriereentscheidungen zu hinterfragen oder zu überdenken und sich dahingehend neu auszurichten. Bei Bedarf empfehlen wir eine berufliche Weiterbildung, beispielsweise über die Agentur für Arbeit oder eine Online-Lernplattform, aus der sich die Teilnehmer:innen dann direkt und mit frischem Wissen bewerben können. Denn parallel zu den Seminaren geht es mit dem Bewerbungstraining direkt in den Arbeitsmarkt. Für anstehende Vorstellungsgespräche coachen wir bedarfsgerecht und stehen im gesamten Bewerbungsprozess mit Feedback zur Seite.

Welche Art von Know-how oder Skills vermitteln Sie bei den Coachings und Seminaren?
Wegat: Die Bandbreite unserer Seminare ist so groß wie die unserer Wiedereinsteiger:innen. Neben den bereits erwähnten Kompetenz- und Orientierungsworkshops werden die Teilnehmer:innen in Seminaren bei der Erstellung von zeitgemäßen und individuellen Bewerbungsunterlagen unterstützt, wobei hier auch die Social Media-Profile in den beruflichen Netzwerken LinkedIn und XING eine große Rolle spielen. Ein besonderes Augenmerk liegt auch in Seminaren zur Verbesserung von digitalen Kompetenzen. Viele Wiedereinsteiger:innen sind schon länger aus dem Beruf raus und gerade hier ändert sich ja eine ganze Menge. Anhand eines IT-Kompetenztests wird beispielsweise ein passgenaues IT-Training erstellt. Zudem bieten wir Seminare zu Themen wie Zeitmanagement, Gehaltsverhandlung und Altersvorsorge an.

Ein weiterer Pluspunkt sind zudem unsere Arbeitgeber:innenkontakte: Hier stellen wir unseren Teilnehmer:innen einen Stellenpool zur Verfügung und veranstalten regelmäßig Treffen mit Arbeitgeber:innen, um auch deren Sicht zu vermitteln.

Was müsste von Seiten der Regierung oder der Arbeitgeber getan werden, um den Wiedereinstieg permanent leichter zu machen?
Weidlich: Die Corona-Krise hat gerade wieder gezeigt, dass eine verlässliche und ausreichende Betreuung von Kindern in Kitas und Schulen das A und O für die Berufstätigkeit von Eltern ist. Hier ist einfach immer noch Nachholbedarf. Ein dauerhaftes Orientierungs- und Beratungsangebot für Wiedereinsteiger:innen unterstützt Eltern dabei, sich beim Wiedereinstieg nicht „unter Wert“ zu verkaufen. Für das berufliche Selbstbewusstsein und die finanzielle Unabhängigkeit ist es entscheidend, dass die Berufstätigkeit den eigenen bisherigen Qualifikationen entspricht. Dazu geben Projekte wie power_m Perspektive und dem Wiedereinstieg den nötigen Rückenwind.

Ed Sverige health
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