Wie familienfreundlich sind Münchner Arbeitgeber?

Der Stichpunkt „Familienfreundlichkeit“ ist wohl einer, den sich jedes Unternehmen gerne auf die Fahnen und Flyer schreiben würde. Was sich dahinter verbirgt, lässt sich anhand einer Stellenbeschreibung nicht herausfinden. Verbergen kann sich dahinter jedenfalls vieles. Von „flexiblen Arbeitszeiten“ mit sieben Stunden Kernarbeitszeit bis hin zu „Wir empfehlen Ihnen eine Kindertagesstätte, haben mit der Aufnahme Ihres Kindes da aber nichts zu tun.“ Also haben wir uns auf die Suche gemacht und Münchner Unternehmen einfach mal gefragt, was sie in der Realität umsetzen.

Ein Wirtschaftszweig, der es mit dem Arbeitszeiten-Image wohl am Schwersten hat, ist die Consultingbranche. Berater sind fast täglich unterwegs und bringen dabei teils enorme Reisestrecken hinter sich. Sicher, die Natur ihrer Tätigkeit können Beratungsunternehmen nicht ändern. Bei Accenture mildert man dies soweit möglich mit Teilzeitmodellen und wohnortnahen Projekten ab. Wichtig sei für Accenture, dass sich der Wandel von der Präsenz- zur Leistungskultur weiter vollzieht. Viele Aufgaben könnten auch aus der Distanz erfüllt werden – und das Projekt leide nicht darunter. Wer sich in der Elternzeit befindet, muss deswegen außerdem noch lange nicht aussteigen. „Dank dem Parental Leavers Network haben Eltern die Möglichkeit, weiterhin mit Kollegen im Austausch zu bleiben und haben Zugang zu aktuellen Informationen. Das erleichtert den beruflichen Wiedereinstieg enorm“, erklärt Simone Wamsteker, Leiterin Recruiting bei Accenture.

Der IT-Dienstleister Capgemini setzt in München auf zwei be­triebsnahe Kindertagesstätten für die ganz Kleinen bis zum Schuleintritt. Home Office ist kein Fremdwort und Eltern kommt Capgemini äußerst flexibel mit Teilzeitmodellen entgegen – noch passender will das Unternehmen diese Modelle nach und nach „Individuelle Arbeitszeiten“ nennen. „Familienbewusstsein beschränkt sich nicht nur auf die Eltern-Kind-Beziehung – jeder Mitarbeiter hat ganz unterschiedliche Herausforderungen in seiner jeweiligen Lebensphase. Deshalb lässt sich Capgemini zur Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Lebensphasen derzeit auditieren, um noch mehr gute Ideen für diese engagierten Menschen zu entwickeln“, führt Michael Moschovis, Head of HR Shared Services Center, weiter aus. Damit das nicht nur auf dem Papier klappt, wird beispielsweise angestrebt, Meetings zu familienkompatiblen Zeiten abzuhalten – ein Punkt, den so mancher berufstätige Elternteil in München in seinem eigenen Arbeitsalltag vielleicht auch gerne hätte.

Bei Deloitte wurde das Teilzeitarbeitsmodell auf maximale Flexibilität ausgelegt: „Jeder kann in Absprache mit dem Vorgesetzten selbst definieren, wie viele Stunden er arbeitet und wie er diese Stunden über die Woche verteilt“, erklärt Sarah Beringer, Head of Talent Management bei Deloitte. Aufgrund der überwiegenden Mandantentätigkeit ist aber natürlich viel von diesen Terminen abhängig. Dem wirkt Deloitte mit moderner technischer Ausstattung entgegen, die dafür sorgen soll, vom eigentlichen Arbeitsort so unabhängig wie möglich zu sein. Auch die Knappheit von Kita-Plätzen wird nicht ignoriert, sondern aktiv angegangen: Diesbezüglich kooperiert man mit einem externen Dienstleister, der bei der Suche nach einer geeigneten Kinderbetreuung unterstützt, in Notfällen auch Betreuungspersonal vermittelt oder Ferienangebote für Kinder einholt. „Unsere Büros sind für Notfallsituationen mit sogenannten Kindertoolkits ausgestattet, die unter anderem Schutzvorrichtungen, ein Reisebett und Spielzeug enthalten. Bei den Kita-Streiks war das Gold wert.“ Für persönlichen Austausch steht allen Deloitte-Elternteilen außerdem auch ein internes Mitarbeiternetzwerk zur Verfügung, genannt ,Working Moms & Dads’.

Die Sache in die eigene Hand nimmt Siemens. An 31 Standorten, darunter selbstverständlich auch München, gibt es rund 2.000 Kinderbetreuungsplätze – in erster Linie für den Nachwuchs bis drei Jahre, damit der berufliche Wiedereinstieg besser gelingt. Da naturgemäß vor allem Frauen sich dabei größeren Herausforderungen stellen müssen, vergibt Siemens freiwillige Leistungen wie Kinderbetreuungszuschüsse, bietet Ferien- und Notfallbetreuungen an und vermittelt auch schon mal Tagesmütter, Au Pairs und Haushaltshilfen. Insgesamt gehören diese Maßnahmen zu einem umfangreicheren Diversity-Programm, mit dem Siemens konzernübergreifend gemischte Teams, auch mit unterschiedlichen Kulturkreisen, gestaltet. „Ob Mitarbeiter nur einen Teil ihrer Arbeitszeit im Home Office verbringen oder in erster Linie von zu Hause tätig sind, wird in enger Abstimmung mit der Führungskraft entschieden. Damit erhält jeder Kollege seine individuelle Flexibilität, um Beruf und Karriere mitein­ander zu vereinen“, fasst Dr. Hans-Georg Kny zusammen.

Auch bei Steelcase in Rosenheim wurde bereits 2009 eine Betriebs-Kita auf dem Werksgelände eröffnet – überschüssige Plätze darin werden übrigens auch an Externe vergeben. Nicht nur Familien werden bei Steelcase unterstützt, sondern alle Mitarbeiter haben dank einem Ökosystem interdependenter Räume die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie und wo sie arbeiten möchten. „Wir glauben, dass das Büro nach wie vor grundlegende Vorteile bietet, die nur ein Arbeitsplatz haben kann, zum Beispiel den Austausch mit den Kollegen“, so Stephan Derr, Vorstand Steelcase Werndl AG. Darüber hinaus wird den Mitarbeitern je nach Stellenprofil die Möglichkeit geboten, im Home Office zu arbeiten. Die Kollegen stimmen sich flexibel mit ihrem Vorgesetzten ab, inwieweit Büro oder Home Office besser geeignet ist. Gerade in den Randstunden ist die Arbeit von Zuhause besonders stark integriert.

Auf Vertrauensarbeitszeit setzen die Teams bei SThree, die in den letzten zehn Jahren von vier Mitarbeitern in Deutschland auf rund 550 aufgestockt haben. Väter bekommen hier nach der Geburt erst einmal zehn Tage Sonderurlaub auf Kosten der Firma. Für Eltern gelten anschließend flexible Arbeitszeiten unabhängig von Unternehmenszugehörigkeit oder Hierarchieebene. Zum Thema Home Office gibt es bei SThree klare Regeln. „Wir sind grundsätzlich der Meinung, dass man Arbeit nicht mit nach Hause nehmen sollte. Arbeitende Eltern benötigen aber mehr Flexibilität – daher besprechen wir jeden Fall individuell und erstellen eine maßgeschneiderte Lösung für jeden Mitarbeiter“, erklärt Guido Hauer (HR Business Partner SThree DACH) den Kern der Strategie. Doch was tun, wenn das Leben sich nicht an diese Regeln hält? „Es gibt einen Zwischenfall Zuhause, die Kita streikt und parallel steht ein wichtiger Termin im Unternehmen an? In diesem Fall können unsere Mitarbeiter ihr Kind auf Firmenkosten in eine Tagesstätte unseres Kooperationspartners geben – das sind unsere sogenannten Emergency Days.“ Damit der Wiedereinstieg mit größtmöglicher Sicherheit gestaltet werden kann, erhalten zurückkehrende Eltern außerdem eine Garantie auf ihre Provisionszahlungen für die ersten sechs Monate.

Bei ProSiebenSat.1 gibt es schon seit zehn Jahren eine eigene Kindertagesstätte mit 70 Plätzen. Eltern, deren Kinder im Vorschulalter außer Haus betreut werden, erhalten einen Betreuungszuschuss. „Im letzten Jahr haben wir außerdem unser Arbeitszeitenmodell noch einmal weiterentwickelt. Das neue Modell bietet großzügige Gleitzeitregelungen sowie ein hohes Maß an Flexibilität für die Mitarbeiter“, so Nicole Gerhardt, Executive Vice President Human Resources bei ProSiebenSat.1.

Auch für Rohde & Schwarz ist das Thema Familienfreundlichkeit wichtig und die Anstrengungen dafür den Kinderschuhen entwachsen: „Wir möchten, dass sich die Mitarbeiter langfristig bei uns wohlfühlen.” Die bereits angesprochenen  flexiblen Arbeitszeitmodelle sind bei Rohde & Schwarz eine Selbstverständlichkeit: “Wir bieten ein Gleitzeitmodell ohne feste Kernzeit. Außerdem auch Kindergarten- und -krippenplätze oder mit einem Familienservice spezielle Beratungs- und Vermittlungsleistungen. Dieser kümmert sich beispielsweise um die Vermittlung von zertifiziertem Betreuungspersonal bei einem Pflegefall oder die Notfallbetreuung für Kleinkinder“, fasst Jens Schulte, Director of HR Marketing & Recruiting bei Rohde & Schwarz es zusammen.

Es gibt sie also, die familienfreundlichen Arbeitgeber. So unterschiedlich wie die Bedürfnisse der Arbeitnehmer sind auch die Angebote – und die Arbeitgeber. Eines bleibt also auch weiterhin klar: Auf das richtige Matching zwischen Bewerbern und Unternehmen kommt es an.

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