Geisteswissenschaftler – und jetzt?

Aller (Berufs-)Anfang ist schwer. Ist er beim Studium der Geisteswissenschaften schwerer als in anderen Bereichen? Ist der fehlende „klare Weg“, in Kombination mit den vielen Möglichkeiten, die nach einem solchen Abschluss zur Verfügung stehen, eher Fluch oder Segen? Führt er vielleicht sogar zu unnötigem Stress?

Es wird – zumindest in den Onlinemedien – viel genörgelt und gezetert über dieses Studium. Warum widmet man sich diesem Studium? Da bekommt man doch sowieso keinen Job. Anfangs gab es viele Versprechungen und am Ende Frust und unnötiger Stress. Scheinbar geht es vielen Studenten so und einige sind wohl erst einmal sehr lange auf der Suche nach einem passenden Job nach ihrem Studium. Was läuft denn hier eigentlich so schief?

Entscheidung nach dem Abi

Nach dem Abi die richtige Entscheidung bei der Studienwahl zu treffen, ist natürlich gar nicht so einfach. Hier fängt der Stress oft schon an. Da ist ein Studium der Geisteswissenschaften unter den vielen weiteren Möglichkeiten sehr attraktiv. Immerhin ist es ein sehr vielseitiges und vielversprechendes Fach mit scheinbar fast unendlichen Möglichkeiten im Berufsleben. So wird es häufig beschrieben – und es klingt sehr aussichtsreich und nachvollziehbar. Wenn du dich für Germanistik, Geschichte, Politik- oder Kommunikationswissenschaften einschreibst, kannst du also nichts falsch machen, oder?

Eines sollte jedoch ganz klar sein – und das gilt nicht nur für Geisteswissenschaftler – wer sich für ein Studium entscheidet, sollte vorab bereits gut recherchieren, ob der Studiengang zu seinen Fähigkeiten und Wünschen passt. Inhaltlich gesehen, wie auch zur erhofften Karriere. Wer sich nach einem abgeschlossenen Studium tatsächlich wundert, wieso nicht alles so läuft, wie man es sich ausgemalt hat, könnte in seiner Herangehensweise vielleicht etwas „blauäugig“ gewesen sein.

Entscheidung für oder gegen ein Studium der Geisteswissenschaften

Allein die gebotene Vielfalt der späteren beruflichen Ausrichtung bei einem Studium der Geisteswissenschaften stellt am Ende eine große Herausforderung dar. Es braucht eine möglichst klare Vorstellung davon, wo du dich später einmal siehst. Was ist dir wirklich wichtig, welche Themen interessieren dich ganz besonders? Neben deinen Interessen kommt dann noch der Faktor der möglichen Branchen und Berufsfelder hinzu. Wo und wie willst du gerne arbeiten? Fragen über Fragen, die allerdings durchaus ihre Berechtigung haben. Wenn du sie beantworten kannst, fällt dir die Entscheidung viel leichter.

Ein positiver Aspekt des geisteswissenschaftlichen Studiums könnte beispielsweise sein, dass Absolventen häufig in untypischen Branchen eine Beschäftigung finden können, wie etwa Handel, Banken, Rechts- und Wirtschaftsberatungsunternehmen. Oder auch in eher typischen Branchen wie Medien, Kultur, Kunst, Forschung und Ausbildung. Ein reines Geschichtsstudium würde wohl für Positionen in einigen Branchen und im Hinblick auf eine spätere Position im mittleren Management nicht ausreichen. Deshalb kann auch eine frühzeitige Überlegung sein, was an Zusatzqualifikationen notwendig ist, um in der gewünschten Branche die Karriereleiter zu erklimmen.

Zusatzqualifikationen und/oder Spezialisierung

Ist es sinnvoll, betriebswirtschaftliche Auswertungen zu analysieren, Programmieren oder Photoshop als Qualifikationen vorweisen zu können? Wenn das dann später zum Unternehmen gut passt und du dich im Studium nicht ausschließlich mit Wörtern beschäftigt hast, dann kann man es durchaus in Führungspositionen schaffen. Du solltest dir also überlegen, ob du bereit bist, auch über das Studium hinaus zu investieren. Hierfür ist ein klares Ziel in deiner Spezialisierung wichtig. Stelle dir möglichst frühzeitig diese Fragen:

  • Was kann ich gut?
  • Welche Interessen habe ich?
  • Was ist mir wirklich wichtig im Studium und für meine berufliche Karriere?
  • Bin ich bereit, für meine Spezialisierung zusätzliche Ausbildungen zu machen?

Im Zeitalter der Digitalisierung mit all seinen Anforderungen bist du als Geisteswissenschaftler prinzipiell gut aufgehoben. Der Anspruch, gesellschaftliche Werte und Regeln zu untersuchen und zu vermitteln, erleichtert das Zusammenarbeiten von sehr unterschiedlichen Menschen. Es fördert das Verständnis von anderen Kulturen und Sprachen, erleichtert somit auch ein harmonisches Miteinander und hat Potenzial zur Konfliktlösung. Themen kritisch zu hinterfragen und mit komplexen Informationen umzugehen, um diese strukturiert in „brauchbare“ Inhalte zu transportieren, ist ein wertvoller Beitrag im Informationszeitalter und in dieser sich schnell wandelnden Welt. Verschiedene Wirtschaftsbereiche suchen bereits verstärkt nach Geisteswissenschaftlern, da der lösungsorientierte Ansatz und die disziplinübergreifenden Kompetenzen des inhaltlich sehr breit aufgestellten Studiums heute mehr denn je gefragt sind.

Bereit für deine Zukunft?

Es liegt also ganz bei dir, ob am Ende nach dem Studium nur ein großes Fragezeichen bleibt wohin es beruflich gehen wird, oder ob du ganz gezielt schon beim – oder besser noch vor – Beginn des Studiums Klarheit hast und die Weichen stellst. Einfach gesagt, aber allein dieser Gedanke verursacht auch schon Stress bei dir?

Ein Tipp aus dem Coaching – Traumjob als Mind-Map

Eine Methode, die ich als Coach gerne anwende oder empfehle, ist die Arbeit mit einer Mind-Map. Eine sogenannte „Gedanken(land)karte“. Sie ermöglicht das Erschließen und visuelle Darstellen eines Themas. Dazu brauchst du nur einige Post-its – am besten in zwei Farben – eine Wand und einen dickeren Filzstift. Und – nimm dir vor allem Zeit! Es geht schließlich um deine persönliche Zukunft. Wenn du Freunde hast, die vielleicht auch gerade Klarheit für ihre Zukunft suchen, dann macht das doch ganz einfach gemeinsam. Folgende Fragen solltest du dir dabei stellen: Was erwartest du dir von deinem späteren Beruf? Was möchtest du gerne, was ist dir wirklich wichtig, … und was möchtest du auf keinen Fall? Was kannst du besonders gut? Wo liegen deine Stärken und Interessen? Sei konkret – so konkret wie möglich!

  • Sammle nur einzelne Begrifflichkeiten zu diesen Fragen. Ein Thema pro Post-it – bleibe übersichtlich.
  • Visualisiere und klebe die Post-its an eine Wand/Türe.
  • Sortiere die Themen und bilde Überbegriffe (andere Farbe verwenden).
  • Recherchiere in Stellenanzeigen nach Jobangeboten, die dich besonders ansprechen. Wo sind deine Stärken gefordert und werden deine Erwartungen erfüllt?
  • Was reizt dich besonders an diesem Job? Notiere das auch auf Post-its.
  • Sammle deine Favoriten der Jobs – ausdrucken und an die Wand mit den Post-its.
  • Welche Anforderungen sind mit diesen Jobs verbunden? Sammle diese wieder einzeln auf Post-its an deiner Wand.

Gibt es zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon einen Favoriten, der sich deutlicher herauskristallisiert?

  • Werte aus, welche Qualifikationen für deine(n) „Traum-Job(s)“ nötig sind und dir noch fehlen oder durch das Studium nicht abgedeckt sind. Recherchiere zu verschiedenen Themen wie Projektmanagement, Grafikdesign, Social Media, BWL oder anderen Bereichen. Notiere die notwendigen Zusatz-Qualifikationen auf Post-its.
  • Wie kannst du diese Zusatz-Qualifikationen erreichen? Recherchiere und notiere alles.
  • Klebe alle relevanten Post-its, die zu deinem Traumjob gehören, zusammen.
  • Gibt es jetzt „den“ einen Favoriten oder sogar mehrere mit den gleichen Zusatz-Qualifikationen? Wäge ab und schlafe vielleicht noch einmal drüber. Tausche dich mit anderen aus, rede darüber und sammle Ideen und Inspiration.
  • Bist du bereit es anzugehen? Wenn ja…. was ist dein konkretes Ziel? Schreib es auf!
  • Definiere danach deine nächsten Schritte: Was nimmst du dir jetzt vor? Konkret, terminiert und realistisch. Es sollte erreichbar sein und dich motivieren.

Chancen nutzen statt Stress aufbauen – es ist nie zu spät

Es ist eine Frage der Sichtweise, ob die vielen Möglichkeiten und auch die Anforderungen gerade beim Studium der Geisteswissenschaften eher als Chance oder Belastung gesehen werden. Dir darüber möglichst klar zu werden, was du kannst und möchtest, hilft dir dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Arbeite früh an deiner Positionierung und beginne dein Studium mit einem klaren Ziel. Wenn du jetzt schon mittendrin steckst – es ist nie zu spät, sich Klarheit zu verschaffen.


Über Elke Friedrichs: Als Coach für kreative Köpfe unterstützt Elke Friedrichs in München Klienten dabei, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, sich zu orientieren und mit Gelassenheit Erfolg zu haben.

Zum Thema Karriereentwicklung bietet sie das Training DESIGN YOUR CAREER an, in dem eine systemische, ganzheitliche Betrachtung der eigenen Wünsche und Fähigkeiten mit Analyse der aktuellen Situation zu einer neuen Perspektive der beruflichen Entwicklung ermöglicht wird. Ein Konzept aus intensivem Coaching in Verbindung mit agilen Methoden.

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