Die letzte Universalausbildung

Sprachen können die Basis für sehr faszinierende Karrieren sein – sei es nun beim Übersetzen, als technischer Redakteur oder gar als Dolmetscher. Karrieremuenchen.de sprach mit dem Leiter des SDI München über die Ausbildung, Herausforderungen, anschließende Jobchancen und seine persönliche Faszination an Sprachen.

Prof. Mayer, das SDI ist nicht einfach eine Hochschule, sondern ein richtiges Bildungsnetzwerk. Aus der Sicht eines Schulabgängers, der sich Richtung Dolmetschen ausbilden lassen möchte: Welches Institut passt zu welchem Interessent?
Wenn er oder sie Abitur hat, besucht er die Fachakademie für Übersetzen und Dolmetschen und macht dann seinen Bachelor an der Hochschule. Wenn er danach wirklich Dolmetscher werden möchte, absolviert er oder sie den Masterstudiengang „Konferenzdolmetschen“. Der Dolmetscher steht beruflich gesehen insofern über dem Übersetzer, als dass er sowohl übersetzen als auch dolmetschen kann.

Wer mittlere Reife hat, kann für zwei Jahre die Berufsfachschule besuchen und dann ohne Abitur den gleichen Weg wie der Abiturient einschlagen. Für Hauptschüler sind die Zugangsvoraussetzungen etwas komplizierter, aber auch hier beraten wir gerne.

Bilden Sie mehr Dolmetscher oder Übersetzer aus?
In der Regel ist es so, dass 90 Prozent der Interessenten Dolmetscher werden wollen, aber die meisten konzentrieren sich dann doch auf das Übersetzen, da das Dolmetschen ganz besondere Anforderungen stellt. Ich selbst bin für mein Leben gern Übersetzer! Neben dem Simultandolmetschen gilt besonders Konsekutivdolmetschen als eine Art Königsdisziplin. Dabei schreibt man fünf bis zehn Minuten mit, was jemand sagt, und gibt das dann zu 100 Prozent identisch in der anderen Sprache wieder – mit allen landesspezifischen Ausdrücken, Scherzen und so weiter.

Daraus leitet sich welche Herausforderung ab?
Es geht bei weitem nicht nur um Sprachen! Davon übrigens zwei Fremdsprachen plus die Muttersprache. Wer dolmetscht, muss verstehen, was zwischen den Zeilen gesagt wird. Dafür ist das Wissen um die Kultur des anderen Landes sehr wichtig. Nicht zuletzt auch die historischen Gegebenheiten – warum ist Deutschland heute so, wie es ist? Warum schaut es in China ganz anders aus?

Welche Voraussetzungen sollten Interessenten möglichst schon mitbringen?
Da die Ausbildung nicht ganz ohne ist, muss man es wirklich wollen. Klar, man kann eine Sprache von null auf lernen, aber das reicht einfach nicht. Interessenten müssen gegenüber der Person oder dem Wissensgebiet, das sie übersetzen oder dolmetschen, aufgeschlossen sein. Nach der Ausbildung arbeiten sie im Team mit Menschen und über Grenzen hinweg. Klar, es gibt sie noch, die begnadeten Übersetzer, die zurückgezogen leben. Übersetzen können also sowohl extro- als auch introvertierte Menschen. Für das Dolmetschen braucht es unbedingt die extrovertierten.

Sie sprechen von Arbeit im Team und verschiedenen Wissensgebieten. Was wird heutzutage denn noch übersetzt?
Durch die Globalisierung tatsächlich fast alles. Radiospots, Marketingkonzepte, Anleitungen für Waschmaschinen, Reparaturanleitungen, Websites, Software Support-FAQs. Sowas läuft auch im Team, sodass man durchaus mit mehreren Menschen zusammenarbeitet – und vor allem mit dem Kunden.

Die Digitalisierung wirbelt auch einige Branchen durcheinander. Wie steht es um die Übersetzungsbranche, Stichwort „Machine Translation“ oder „Machine Learning“?
IT ist eine geniale Unterstützung und lässt uns noch effizienter, noch schneller, noch besser übersetzen. Das wird auch für den Kunden günstiger, aber die IT ist tatsächlich ein reiner Support fürs Übersetzen. Maschinell haben Texte immer noch eine relativ hohe Fehlerquote. Daher ist maschinelle Übersetzung dann interessant, wenn man nur wissen will, was in etwa in einem Text steht. Wenn es aber um Texte geht, die einen Unternehmenszweck befeuern sollen, also zum Beispiel Verkaufen, braucht es einfach den menschlichen Übersetzer. Erst, wenn der Rechner denken und fühlen kann wie ein Mensch, haben wir ein Problem.

Wie finanzieren sich die Teilnehmer/Studenten?
Für den allgemeinen Bedarf gibt es die BAföG-Förderung, denn das SDI ist eine private Hochschule, der Träger ist ein Verein. Außerdem garantieren wir jedem unserer Schüler eine Unterkunft: direkt auf dem Campus des SDI haben wir Studentenapartments und daneben Zimmer in einem Studentenwohnheim. Genaue Kosten finden Interessenten auf der Website.

Gibt es auch ins Management gehende Ausbildungen?
Ja, in der Hochschule gibt es neben Übersetzen weitere Studiengänge, beispielsweise Internationale Wirtschaftskommunikation und Wirtschaftskommunikation Chinesisch. Beide führen zum Bachelor of Arts. Man studiert auch wieder zwei Sprachen und bekommt eine wirtschaftliche Ausbildung dazu. Die Absolventen arbeiten dann in Unternehmen, in denen Sprachen wichtig sind, es aber nicht um Übersetzungen geht. Das ist ein sehr interessantes Umfeld, denn allein in München haben 90 Prozent aller Unternehmen Kontakt ins Ausland. Auf Masterebene bieten wir Studiengänge an, in denen Sprachen mit Wirtschaft und interkultureller Kompetenz beziehungsweise mit Medien und Technik kombiniert werden können. Die heißen dann Master Interkulturelle Kommunikation oder Master Internationale Medienkommunikation.

Welche Arbeitgeber gibt es auf dem Münchener Markt, die Absolventen vielleicht nicht auf dem Radar haben?
Das Gute ist: Ein Klischeeraster gibt es so gar nicht mehr. Ein Beispiel ist eine junge Absolventin, die aktuell bereits arbeitet und die Bachelorarbeit nebenher bei einem Maschinenbauunternehmen schreibt. Eigentlich sollte sie dort nur übersetzen, jetzt baut sie dort eine richtige Übersetzungsabteilung auf. Das heißt, sie übersetzt zwar, aber sie mobilisiert außerdem das Unternehmen dazu, das ein- und umzusetzen, was sie für ihre Tätigkeit und zukünftige Kollegen benötigt. Wer bei Jobbörsen sucht, sollte sich nicht am Begriff „Übersetzer“ festbeißen, sondern auch mal in die Jobbeschreibungen von technischen Redakteuren hineinsehen.

Was finden Sie persönlich so faszinierend an der Branche „Sprachen und Übersetzungen“?
Dass man ständig dazu lernt und sich sein Leben lang weiterbilden kann, denn jeder Text birgt neue Informationen. Diese muss man sich aneignen, um ihn korrekt bearbeiten zu können. Dazu kommt die Vielfalt der Texte und Auftraggeber, der Einsatz moderner Technologien und die Arbeitsweise: Man kann im Homeoffice arbeiten oder im Büro. Auf alle Fälle ist man vernetzt und die Teams sind manchmal über die ganze Welt verteilt. Wirklich faszinierend ist, dass man sich durch Tätigkeiten wie Übersetzen mit Menschen austauschen kann, die man vorher nie im Leben verstanden hätte!


Ausbildung zum Dolmetscher

Felix Mayer, Jahrgang 1961, studierte Sprach- und Übersetzungswissenschaften in Saarbrücken und Mulhouse. 1988 schloss er sein Studium als Diplom-Übersetzer in Französisch und Italienisch im Fachgebiet Technik ab. Seine beruflichen Stationen führen ihn zu der Firma SynTec, Stuttgart, wo er an der Entwicklung  von Terminologiedatenbanksystemen mitarbeitete sowie an die Universität des Saarlandes, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Modellversuch „Studienkomponente Sprachdatenverarbeitung in der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung“ mitwirkte. Anschließend war er von 1993 bis 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter der Forschungsgruppe „Terminologie und Fachsprachen“ sowie kommissarischer Leiter des Fachbereichs „Sprache und Recht“ der “Europäischen Akademie Bozen“. Seit September 2000 ist Prof. Dr. Felix Mayer Direktor des SDI München und seit Juli 2007 Präsident der Hochschule für Angewandte Sprachen des SDI München.


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Das Interview führte Bettina Riedel.

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