Wie viel verdient eine Krankenschwester oder ein/e Altenpfleger/in?

Der demografische Wandel sorgt für stetige Nachfrage auf dem Pflegemarkt und macht den Gesundheitssektor zu einer krisensicheren Branche. Doch wie steht es um die Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten für die Arbeitnehmer? Und vor allem: Was verdient man eigentlich in München, einer der teuersten Städte Deutschlands?

Im gerade überstandenen Bundestagswahlkampf wurde unter anderem über den stetig steigenden Bedarf an Pflegekräften diskutiert. Ob nun Merkel oder Schulz, Lindner oder Özdemir, alle waren sich einig, „dass da dringend was getan werden müsse…, also auch die Gehälter, die müssen rauf, ganz dringend.” Durch solche Statements verkommen die Pflegeberufe schnell zu unterbezahlten Jobs, die hinsichtlich des Gehalts gefühlt nur knapp oberhalb einer Reinigungskraft angesiedelt sind.

Ziemlich sicher ist allerdings, dass der Bedarf an Pflegekräften konstant steigt. Es kursieren die verschiedensten Zahlen, wie groß der Mangel an Pflegefachpersonal ist. Das Bundesministerium für Gesundheit nennt eine Lücke von 200.000 ausgebildeten Pflegefachkräften bis zum Jahr 2025. Man nimmt das als Zuschauer so hin und denkt sich vielleicht, dass das wohl stimmen könnte, weil man auch in den Medien oder von Gewerkschaften nichts Gegenteiliges hört. Aber wirklich beurteilen kann man als Zuschauer oder Mediennutzer nicht wirklich, wie viel genau in Pflegeberufen verdient wird. Quellen im Internet sind häufig nicht gut recherchiert oder intransparent.

Aus diesem Grund habe ich mich mit Personalverantwortlichen der Branche getroffen, Vorständen, Pflegedirektoren und Personalleitern. Das war nötig, denn anders kann man die Gehälter einfach nicht ermitteln. Am Ende meiner Recherche lagen mir über fünfzig anonyme, aber typische Gehaltsabrechnungen nahezu aller Karrierestufen vor. Dieser Artikel handelt nicht davon, was Krankenschwestern und Altenpflegerinnen und -pfleger leisten. Nicht davon, wie stressig die Schichten sind, nicht vom Umgang mit Krankheit und Tod. Es geht auch nicht um die Freude und die Bestätigung, die der Beruf bereiten kann oder um die sinnstiftenden Inhalte. Es geht einzig und allein darum, wieviel eine Kranken- oder Altenpflegerin verdient und welche Karrieremöglichkeiten ihr offenstehen. Noch drei lästige, aber notwendige Vorbemerkungen: Kranken- und Altenpflegerinnen werden in diesem Artikel der besseren Lesbarkeit wegen schlicht durch das Wort Pflegerin ersetzt, obwohl gerade auch männliche Pfleger händeringend gesucht werden.

Die korrekte Berufsbezeichnung lautet seit 2004 übrigens nicht mehr Krankenschwester/Krankenpfleger, sondern Gesundheits- und Krankenpfleger/in, abgekürzt GKP. Analog dazu wurde aus der Kinderkrankenpflegerin die Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin (GKKP). Altenpfleger- und -pflegerinnen haben ihre Berufsbezeichung nicht geändert.

Alle Gehälter, die wir nennen, sind Nettogehälter (Kranken- und Altenpfleger verdienen fast genau gleich viel), was schlicht bedeutet, dass Steuern und Sozialabgaben bereits gezahlt sind. Alle Gehaltsangaben betreffen den öffentlichen Dienst, kirchliche Einrichtungen oder die Caritas und einige, aber nicht alle privaten Einrichtungen, die teilweise mehr, aber auch weniger zahlen können.

Befragungen bei unseren Lesern ergaben: Viele schätzten die Gehälter als viel zu niedrig ein. Die Durchschnittsschätzung lag in etwa genauso hoch, wie in der Berichterstattung vieler Medien: um 25 Prozent zu gering. Ich habe mich am Ende der Recherche gefragt: Wenn die Gehälter so intransparent sind und allgemein so niedrig dargestellt werden, warum sollte man sich dann als junger Mensch für einen Einstieg in den Beruf interessieren? Und die Gehälter am Seitenrand zeigen nicht alles, was dem Verdienst noch zuzurechnen ist. Aber der Reihe nach.

Ausbildung
Interessierte benötigen, um zur Ausbildung als staatlich examinierte Pflegerin zugelassen zu werden, in der Regel einen Realschulabschluss. Als Pflegehelferin reicht ein qualifizierter Hauptschulabschluss und ein Mindestalter von 16 Jahren. Was diese später verdienen können, sieht man im Beispiel 3. Nach der Ausbildung zur Helferin kann man sich auch mit qualifiziertem Hauptschulabschluss zur examinierten Pflegerin weiterbilden lassen. Wer sich gleich für eine dreijährige Ausbildung zur staatlich examinierten Pflegerin entscheidet, verdient im ersten Jahr etwa 800 Euro, im zweiten 857 Euro, im dritten 957 Euro. Danach kann man sich zur Fachpflegerin ausbilden lassen, beispielsweise im Bereich Kinderpflege, Anästhesie, Psychiatrie, Intensivpflege oder zur OP-Pflegerin. Dadurch kann man auch mehr verdienen (siehe Beispiel 4).

Zuschläge
Die Zuschläge, die über das Grundgehalt hinaus gezahlt werden, machen teilweise bis zu 25 Prozent des Verdienstes aus. Die Wechselschichtzulage wird beispielsweise für Früh-, Spät- und Nachtschichten gezahlt, die Sonn- und Feiertagszuschläge erklären sich von selbst. Pflegedienstleiterinnen oder Stationsleiterinnen bekommen häufig sogar einen Ausgleich dafür gezahlt, dass sie keine Wechselschichten mehr machen können. Das können bis zu 400 Euro brutto pro Monat sein.

Ballungsraumzulage: München ist ein Ballungsraum und das Leben teurer als auf dem Land. Also zahlen Arbeitgeber bis zu 85 Euro brutto pro Monat (in der Ausbildung die Hälfte) mehr.

Leistungszulage: Sie wird jährlich gezahlt und entspricht etwa 80 Prozent des monatlichen Gehaltes. Bei 2.000 Euro Nettoverdienst sind das rechnerisch 130 Euro pro Monat, die in den nebenstehenden Gehältern nicht enthalten sind. Je nach Steuerprogression und Steuerklasse kann das auch weniger sein.

Gehaltsstufen: TVÖD-P (Tarifvereinbarung des Öffentlichen Dienstes, Beispiel gilt nur für Ledige und nur für den Tarif 8 für eine staatlich examinierte Pflegerin)
• Stufe 3, nach zwei Jahren in Stufe 2 = zirka 136,26 Euro mehr brutto pro Monat
• Stufe 4, nach drei Jahren in Stufe 3 = zirka 174,71 Euro mehr brutto pro Monat
• Stufe 5, nach vier Jahren in Stufe 4 = zirka 141,10 Euro mehr brutto pro Monat
• Stufe 6, nach fünf Jahren in Stufe 5 = zirka 195,70 Euro mehr brutto pro Monat
Das sind 14 Jahre nach dem Examen 647,77 Euro brutto mehr.

Gewerkschaften: Die streitbare Gewerkschaft ver.di handelt in regelmäßigen Abständen für den öffentlichen Dienst neue Tarifverträge aus. Dadurch ist zumindest ein Inflationsausgleich gesichert. Das können nicht alle Berufsstände von sich behaupten.

Essen: Eine (subventionierte) Mahlzeit im Krankenhaus/Altersheim kostet etwa drei Euro pro Mahlzeit. Das Ganze mal fünf Tage mal vier Wochen mal 10,5 Monate bedeutet 630 Euro pro Jahr. Wer weniger für seine Mittagspause zahlt, ist sehr gut organisiert. Jeder Leser kann für sich einmal gegenrechnen.

Urlaub: Mindestens 30 Tage, durch Nachtarbeit und Überstunden können zusätzliche Urlaubstage entstehen.
Fortbildung: Die Kosten (5.000 bis 10.000 Euro), beispielweise für einen Stationsleitungskurs, werden in der Regel vom Arbeitgeber übernommen. Dafür müssen sich die Geförderten häufig für die nächsten drei Jahre an den Arbeitgeber binden.

Studium: Bei berufsbegleitenden Bachelor- oder Masterstudiengängen für das Pflegemanagement ist die Kostenübernahme Verhandlungssache. Üblich ist, sie sich – zirka 15.000 Euro – dafür zu teilen. Auch hier bindet man sich im Anschluss üblicherweise drei Jahre an den Arbeitgeber.

Altersvorsorge: Der Arbeitgeber zahlt in der Regel 4,8 Prozent des Bruttogehaltes in eine zusätzliche Betriebsaltersvorsorge ein. Dieser Gehaltsbestandteil ist übrigens nicht in unseren Beispielen enthalten und muss noch hinzugerechnet werden. Bei durchgehender Erwerbstätigkeit können das für eine Pflegerin 400 bis 500 Euro zusätzliche Rente im Monat sein. Durch Rente plus Zusatzrente kann eine Pflegerin derzeit auf zirka 75 Prozent des letzten Nettogehaltes kommen. Wer auf 100 Prozent (2.000 Euro netto) kommen möchte, müsste mit 25 Jahren anfangen, 42 Jahre lang 100 Euro pro Monat zu sparen. Bei vier Prozent Verzinsung stünden damit weitere 500 Euro Zusatzrente bis zum Alter von 90 Jahren zur Verfügung. Wer erst mit 35 Jahren anfängt zu sparen, müsste dafür 160 Euro pro Monat anlegen.

Sicherheit: Der öffentliche Dienst, Kirchen und die Caritas sind sehr sichere Arbeitgeber. Bei dem weiterhin zu erwartenden Pflegenotstand dürfte Arbeitslosigkeit nicht zu erwarten sein, eher das Gegenteil. Wenn man 15 Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet hat und über 40 Jahre alt ist, ist man unkündbar.

Wohnraum: Es gibt häufig subventionierten Wohnraum bei den Arbeitgebern, nicht für alle Mitarbeiter, aber sehr häufig mindes­tens für Zugezogene. Beispiel: 1-Zimmer-Appartment, zirka 30 Quadratmeter für etwa 300 Euro warm, Zweizimmerwohnung, 54 Quadratmeter, zirka 680 Euro warm.

Kredite: Wer im öffentlichen Dienst arbeitet, dem stellen Versicherungen wegen der sicheren Arbeitsplätze oft Kredite zu besseren Konditionen zur Verfügung als normalen Arbeitnehmern.

Kindergarten: Häufig ist es leichter, einen Kindergartenplatz zu bekommen, wenn man im öffentlichen Dienst arbeitet, denn manchmal verfügen die Arbeitgeber über eigene Kindergärten. Und die Kosten dafür sind auch oft geringer als bei privaten.

Flexible Arbeitszeiten: Der öffentliche Dienst bietet viele unterschiedliche Teilzeitmodelle an.

Aufstiegsmöglichkeiten
Stationsleitung: Ist häufig für 20 bis 40 Betten (je nach Pflegeintensität) und mit Personalverantwortung für das dazugehörige Personal zuständig. Viel Organisationsarbeit, teilweise auch noch in der Pflege tätig. Verdienst: siehe Beispiel 6. Voraussetzung: einjähriger Stationsleitungslehrgang.

 

Funktionsleitung: Ist zusammen mit einem Arzt für eine bestimmte Funktion in einer Abteilung oder im gesamten Haus zuständig. Beispiel: OP-Abteilung, Hygiene oder Anästhesie. Hat als Voraussetzung für diese Tätigkeit eine Krankenpflegerfachausbildung für den jeweiligen Bereich abgeschlossen.

Pflegedienstleitung: Koordiniert mehrere Stationen und ist den Stationsleitungen vorgesetzt. Fast ausschließlich administrativ tätig. Hat in der Regel ein Bachelorstudium in Pflegemanagement absolviert. Verdienst siehe Beispiel 7.

Pflegedirektorin: Ist für die Pflege im gesamten Haus verantwortlich und hat Personalverantwortung für alle Pflegemitarbeiter – das können mehrere Hundert Mitarbeiter sein. Sie ist ausschließlich administrativ, organisatorisch und strategisch tätig. Ein Studium ist Voraussetzung. Pflegedirektorinnen sind häufig Mitglied der Geschäftsleitung. Der Verdienst ist außertariflich und wird in der Regel persönlich verhandelt. Hier sind je nach Größe des Arbeitgebers Bruttoverdienste bis zu 5.000 Euro pro Monat oder sogar noch mehr möglich.

Die Karrieremöglichkeiten im Bereich Pflege sind sehr, sehr vielfältig. Man kann mit einem Mittleren Abschluss (10 Jahre) beruflich weit kommen, auch Bachelor- und Masterstudium sind damit möglich – entsprechende Eignung vorausgesetzt. Abiturienten haben hier sicherlich lockerere Zugangsvoraussetzungen.
Das Berufsfeld Pflege wird in der Gesellschaft weit unter Wert gehandelt. Dafür gibt es Gründe. Politiker biedern sich an die Zielgruppe der Pflegenden an, häufig ohne Wesentliches an den Verhältnissen in der Pflege zu ändern. Medien greifen be­denkenlos das Bild der „armen“ Pflegerin auf. Die Berufsverbände und Gewerkschaften ebenfalls, denn diese profitieren davon, indem sie Mitglieder gewinnen, um höhere Lohnforderungen durchsetzen zu können. Folge: Alle jammern – ein teilweise gewollter, sich selbst verstärkender Prozess.

Kann man es da Interessenten für den Beruf Kranken- oder Alterspflege verdenken, wenn sie erst einmal skeptisch sind? Nein! Aber als Leser dieses Artikels können Sie sich jetzt eine eigene Meinung dazu bilden.

Wussten Sie schon, …

  • dass in fast ganz Europa die Ausbildung zur staatlich examinierten Krankenpflege als Studium gilt, nur nicht in Deutschland und Luxemburg? Das hat Vorteile, denn der Zugang zu dem Beruf ist in Deutschland einfacher.
  • dass Ärzte einer Krankenschwester nur im Bereich Medikation und Therapie weisungsbefugt sind? Im Bereich Pflege hat das Pflegepersonal die Hosen an.
  • dass die Ausbildung nicht nur zur intensiven Arbeit mit Menschen oder am Patienten qualifiziert? Die entsprechende Weiterbildung vorausgesetzt führt die Karriere bis ins Management mit Personalverantwortung für mehrere hundert Mitarbeiter.

Dieser Artikel mit den konkreten Gehaltsangaben entstand mit der Hilfe des Städtischen Klinikums und der Caritas der Erzdiözese München und Freising.

Die Links führen direkt zu den Jobbörsen der jeweiligen Institution.


Hier geht’s zum Gehaltsreport für Erzieher in München und hier zum Gehaltsreport der Angestellten der Stadt München!

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